Leseproben

Rienzi

Auszug: 4. Der Volkstribun ohne Volk

Im Oktober 1347 stirbt Kaiser Ludwig der Bayer an einem Schlaganfall - also völlig unerwartet. Sein Dauerstreit mit dem Heiligen Stuhl hatte ja zu seiner Exkommunikation geführt, und die Kaiserkrönung musste 1328 von römischen Senatoren vollzogen werden. Rienzis plebiszitäre Politik verfolgte er daher mit Gelassenheit, ja mit Wohlwollen. Da der Prozess der Einigung Italiens außerdem nur zögerlich voranging und immer wieder stockte, war sein Einfluss nicht in Gefahr, und er sah keine Veranlassung, in das Geschehen einzugreifen.
Sein plötzlicher Tod ändert alles. Nun ist der Weg zur Kaiserkrone frei für den böhmischen König Karl IV. aus dem Geschlecht der Luxemburger. Seine papstfreundliche Haltung führt rasch zu einem Ende der Feindseligkeiten zwischen der weltlichen und geistlichen Macht. Und die Blicke richten sich nun konzentriert und misstrauisch Richtung Rom.
Einige Gesandte deutscher Fürsten reisen ab. Auch Kardinal Raimondo verlässt Rom.
Diese Zeichen machen den Bürgern Angst. Deutlich sichtbar regen sich die Mächtigen rund um Rom. Die Zeit des Tolerierens und Stillhaltens scheint vorbei. Womöglich droht ein Militärschlag, und weiteres Blut wird vergossen.
Der Unmut, den Rienzis Fehlverhalten erzeugt hat, schwillt im Dunst dieses Gemunkels wieder an. Rienzis Eigenheit, den Geist der Antike mittels Symbolen und Pomp der Imperiumszeit gegenwärtig werden zu lassen, wird nun als demagogische Prunksucht gesehen, sein Sendungsglaube als platter Narzissmus und Ehrgeiz.
Die Stimmung ist erregt. Die geeignete Voraussetzung also für Adriano, Feuer zu legen.
Die Bürger reagieren auf alles, was Erhellung bringen könnte. Adriano hat die Nachricht in Umlauf gesetzt, am frühen Morgen seien am Palazzo vor dem Lateran Neuigkeiten zu erfahren. Zum gewünschten Zeitpunkt kommt prompt eine Gruppe von Bürgern zusammen, darunter auch Cecco und Baroncelli. Sie fragen sich, wer sie herbestellt hat. Da sich niemand zu erkennen gibt, beginnen sie, über den Abzug der Gesandten zu debattieren. Rienzi habe das provoziert, als er beim Friedensfest die Herrschaft des Kaisers über Rom bestritten hat. Auch über die Abreise von Kardinal Raimondo sprechen sie. Baroncelli erinnert sich an die Übersiedlung des Papstes nach Avignon. Colonna habe ihm damals versprochen, für den Schutz der Kirche Roms zu sorgen. Sie rätseln, wie der Papst auf den Tod von Colonna reagieren wird.
Die Angst, auf der Seite der Verlierer zu stehen, sollten die Machtverhältnisse in Rom kippen, macht ihre Argumente und Schlussfolgerungen unüberlegt und widersprüchlich. Und rasch ist man wieder bei Rienzis Gnadenakt angelangt. „Glaubt ihr, Rienzis Milde war’s, die zu der Gnade ihn bewog? Klar sehe ich: es war Verräterei!“, behauptet Baroncelli.
Die These ist unerhört – aber denkbar! Die Männer wollen für diese Behauptung einen Zeugen sehen! Plötzlich zeigt sich Adriano. Er hat sich in die Menge gemischt. „Ich bin ein Zeuge: - er sprach wahr!“
Auf Drängen der Bürger nennt er seinen Namen und schürt weiter hasserfüllt die Spekulationen und Ängste der Männer. „Unwürdig seiner Macht ist der Tribun, der euch verriet. Ihr Römer, seid auf eurer Hut! Der Kaiser droht, die Kirche zürnt.“
Adrianos Rachsucht ist blind und wirr. Ihr entsprechend soll Rienzi gewissermaßen dafür büßen, dass Rienzi Adrianos Lebenspfand nicht akzeptiert hat; letztlich aber, dass Stefano Colonna für die Versöhnungsbitten des Sohnes taub geblieben ist!
Wut und Angst der Bürger fragen nicht nach tieferen Zusammenhängen, und so entfacht Adriano mühelos die Flammen.
„Rache ihm!“, rufen die Männer. Adriano zieht einen Dolch. Nun sei es an ihm, verkündet er, das Attentat auszuführen.
Doch wie soll der Plan umgesetzt werden? Eine Möglichkeit bietet sich: Zur Feier des Sieges über die Nobili soll in der Laterankirche ein Tedeum stattfinden. In aller Öffentlichkeit kann also die Tat ausgeführt werden, schlägt Adriano vor. Die Männer sind einverstanden.

Lohengrin

Auszug:
1. Der Sieg von Reinheit und Liebe

Jenseits der Welt, in einer Sphäre der vollkommenen Reinheit, liegt das Reich des Grals. Die heilige Trinkschale des Letzten Abendmahls haben vor langer Zeit Engel in die Hände von Gläubigen gegeben. Diese errichteten die Burg Monsalvat. In deren Tempelhalle wird das Heiligtum seither verwahrt. Als Gralsritter sorgen die Gläubigen für dessen Schutz.
Das Reich des Grals ruht in sich selbst. Doch das Ideal, das der Gral verkörpert, nimmt durch seine bloße Existenz Einfluss auf das irdische Leben, denn vor dem makellosen Hintergrund der Gralsaura zeichnet sich die hässliche Silhouette des Erdentreibens scharfkantig ab. Dadurch verdeutlicht sie den Menschen ihre Unvollkommenheit, lässt sie sehnsüchtig werden nach innerer Reinheit.
Nur wenn die Gralshüter herbeigerufen werden, um gegen ein Unrecht vorzugehen und das Ideal des Grals durchzusetzen, treten sie als glanzvolle Ritter in Erscheinung.
Eines Tages erreicht ein solcher Ruf die Gralsgemeinde, vorgebracht von Elsa, der Tochter des kürzlich verstorbenen Herzogs von Brabant. Sie klagt, sie werde zu Unrecht des Mordes an ihrem jüngeren Bruder Gottfried bezichtigt.
Die Gralsgemeinde, geführt von König Parzival, versammelt sich in der Tempelhalle und enthüllt das Heiligtum. Die Ritter beraten über die Bitte der jungen Frau aus Brabant und befragen den Gral nach der Wahrheit.
Auch Lohengrin, Parzivals Sohn, ist unter ihnen. Wegen seines würdevollen Auftretens und Verhaltens sowie seines bedingungslosen Einstehens für die Ideale ist er ein geachtetes Mitglied der Gemeinde. Er selbst liebt den Glanz und die Pracht der Gralswelt - und trotzdem fühlt er sich oft einsam hier. Immer dann, wenn er menschliche, ja weibliche Nähe vermisst. In solchen Augenblicken empfindet er die Reinheit dieser Sphäre als freudlos und kühl, und er leidet an seiner Erdenferne. Er wünscht sich dann nichts mehr, als von einer Frau als gewöhnlicher, aber einzigartiger Mensch erkannt und geliebt zu werden.
Als er in der Runde steht und Elsas Gebet als ferne Äußerung wahrnimmt, spürt er sofort, dass ihm die Seele der jungen Frau auf geradezu vollkommene Weise entspricht. Er will diesem Gefühl nachgehen und Elsa kennen lernen.
Während König Parzival vor dem Gral betet, um aus dem Heiligtum Einsicht zu erhalten, nähert sich dem Gralsgebiet ein Schwan, der einen Nachen zieht. Parzival erkennt in seiner Meditation, dass sich in diesem Tierkörper der Knabe Gottfried verbirgt, der mit heidnischer Kraft verzaubert wurde. Elsa ist also schuldlos. Vom Heiligtum erhält Parzival ferner die Anweisung, den Schwan in den Dienst des Grals zu nehmen. Dadurch würde sich die Zauberkraft nach einem Jahr verflüchtigen.
Nun tritt Lohengrin entschlossen hervor und bittet seinen Vater, der Beklagten beistehen zu dürfen. Der Vater ahnt, dass es Lohengrin in ein irdisches Leben zieht. Er befragt den Gral und erteilt schließlich in dessen Namen Lohengrin den Auftrag, den Schauplatz der Auseinandersetzung aufzusuchen. Dazu solle er den Nachen besteigen, der Schwan werde ihn an Ort und Stelle bringen.
Mit widerstrebenden Gefühlen nimmt Lohengrin Abschied. Es tut im weh, den Gral zu verlassen, doch gleichzeitig weiß er, dass seine ideale, aber karge Welt nur einem Teil seiner Seele entspricht. In der Gegenwart Elsas hofft er eine Lebenswelt für den anderen Teil seiner Seele zu finden. 

Als der Herzog von Brabant im Sterben lag, holte er den vertrauenswürdigsten und treusten Vasallen an sein Lager: Friedrich Graf von Telramund. Da sein Sohn und Thronfolger Gottfried noch im Knabenalter war, übertrug er Telramund die Vormundschaft und bat ihn, für die Zukunft des jungen Mannes zu sorgen. Zum Lohn wollte er den Grafen mit der Herzogsfamilie verbinden. Also erteilte er Telramund das Recht, Elsa, die Herzogstochter, zu ehelichen. Dann starb der Herzog.
Graf von Telramund bemühte sich, dem Wunsch des alten Herzogs gerecht zu werden. Mit dem Gedanken an die Heirat mochte er sich allerdings nicht anfreunden. Zwar galt die hübsche Frau als ehrbar und wohlerzogen, doch ihr Wesen irritierte Telramund. Sie war anspruchsvoll. Nicht hinsichtlich Stand und Ehre, nein, vielmehr in Bezug auf die Eigenschaften und den Charakter eines Mannes. Sie ersehnte sich eine kreative, selbstbewusste und liebesfähige Persönlichkeit.
Mit diesem Anspruch griff sie weit über das hinaus, was in jener Zeit einer Frau zugebilligt wurde. Telramund, der mit seiner inneren Einstellung seiner Gegenwart, der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, verhaftet war, merkte, dass er ihre hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Die Vorbereitung der Hochzeit, die er jederzeit hätte erzwingen können, schob er daher unschlüssig vor sich her. Alle Gespräche mit Elsa, die dieses Thema umkreisten, liefen ins Unkonkrete.
Ein furchtbares Ereignis drängte es schließlich weit in den Hintergrund:
Auf einer Reise der beiden Herzogskinder blieb Gottfried bei einer Rast in einem geheimnisvollen Waldstück einen Augenblick lang unbeobachtet. Der Knabe verschwand spurlos. Alles Suchen führte zu nichts. Telramund war verzweifelt, weil er seinen Ruf als zuverlässiger Vormund vernichtet sah.
Eine Einladung auf ein Schloss inmitten dieses geheimnisvollen Waldes erstaunte ihn.

In Brabant wurde seit vielen Jahren der christliche Glaube gelebt – zur Wut derjenigen, deren Religiosität tief im Heidnischen wurzelte. Das Geschlecht der Friesenfürsten Radbod zählte zu diesen.
Die Radbods hatten mit der Christianisierung an Bedeutung verloren und waren inzwischen fast ausgestorben. Die letzte Vertreterin war die Fürstin Ortrud. Sie galt als angenehme Besucherin bei Hof und pflegte ein durchaus vertrauensvolles Verhältnis zu Elsa. Man störte sich nicht daran, dass sie das Heidentum offenbar nicht gänzlich ablegen konnte und daher gelegentlich mit angeblich seherischem Wissen von sich reden machte. Die überwiegende Zeit aber lebte Ortrud zurückgezogen auf ihrem Herrschersitz, wo sie unbehelligt ihre kultischen Handlungen zu Ehren der entmachteten Götter zelebrieren und auf das Neuerstarken ihrer Religion hinarbeiten konnte.
Die machtpolitische Situation in Brabant bot eine günstige Voraussetzung. Mit ihrer Zauberkraft gelang es Ortrud, Elsa und Gottfried in den Wald zu führen. Als Gottfried alleine stand, lockte sie den Knaben in das Dickicht, wo sie ihn in einen Schwan verwandelte. Um ihn jederzeit zu erkennen, legte sie eine Kette um den Hals des Tieres. Dann jagte sie es davon.
Als Telramund wenige Tage später die Einladung von Ortrud erhielt, ahnte er eine Verknüpfung, konnte sich aber den Hintergrund nicht erklären. Telramund kannte die Fürstin. Die Frau umspielte eine herbe, unergründliche Schönheit, der sich Telramund nur schwer entziehen konnte. Ortrud kündigte an, dass sie ihm Wichtiges mitzuteilen habe. Telramund nahm die Einladung an.
Nach einem opulenten Nachtmahl zog sich die Dienerschaft zurück, und die beiden blieben alleine. Telramund, der den ganzen Abend jede ihrer Bewegungen verfolgt hatte, ließ es sich gefallen, dass sie nun ihr Gesicht an seine Wange legte und mit der Hand durch seine dunklen Locken fuhr. Sie wolle mit ihm das Land regieren, flüsterte sie.
Telramund erschrak. Gottfried, erwiderte er, sei zwar verschollen, aber die Umstände zwängen ihn dazu, als Gatte von Elsa den Thron zu besteigen.
Ob Elsa dazu bereit sei, fragte Ortrud.
Darauf wusste Telramund keine Antwort. Sie sei eher abweisend, gestand er.
Ihr sei prophezeit worden, sagte Ortrud, dass die Radbods zu Herrscherwürden kämen. Ob er eine Verbindung mit ihr eingehen würde, fragte sie schließlich verführerisch, wenn sich die Umstände mit Elsa anders gestalten würden.
Telramund schwieg. Dann aber griff er nach Ortruds Hand. Diese zog den Gast zu einem langen Kuss an sich heran. Als Telramund vollends gefangen war, stand sie auf, ging zu einem Fenster und erzählte folgenden Vorfall:
Von hieraus habe sie beobachtet, wie Elsa ihren Bruder durch den Wald zu einem Weiher führte. Dabei wies Ortrud auf eine dunkle Fläche in einer Waldschneise, nahezu vollständig überdeckt von verblühten Wasserrosen. Dort habe Elsa den Knaben ertränkt. Die kleine Leiche sei anschließend von Wölfen verzogen worden.
Niemand werde fordern, dass er, Telramund, eine Brudermörderin heirate, fuhr Ortrud fort. Es sei vielmehr an ihm, Elsa vor dem König anzuklagen. Dieser würde den Fall in einem Gottesgericht entscheiden lassen. Da sie, Ortrud, die Wahrheit sage, sei dieses Urteil nicht zu fürchten.
Ortrud verschwieg, dass sie dem Gott, der diesen Streit entscheiden würde, keine Bedeutung zumaß. Im Gegenteil würden ihre heidnischen Götter die Verurteilung Elsas begünstigen.
Elsa wäre also auf diese Weise aus dem Wege geschafft.
Telramund glaubte der Darstellung der Ereignisse. Als Ortrud abschließend daran erinnerte, dass sie aus dem ehrwürdigen Geschlecht der Radbods stammt, das dem Reich in der Vergangenheit große Fürsten geschenkt hatte und somit in dieser Staatskrise Herrschaftsansprüche geltend machen durfte, willigte Telramund ein. Elsa musste der Tat überführt werden. Dann konnte er gemeinsam mit Ortrud die Macht in Brabant übernehmen.


Das Rheingold

Auszug:
1. Wotan der Weltherrscher

Es gab eine Zeit, da lebten die Menschen in völligem Einklang mit der Natur. Jeder akzeptierte seine Bestimmung, und jeder verwendete seinen Verstand ausschließlich darauf, die eigene Existenz zu sichern. Es herrschte Friede.
Einer von ihnen hieß Wotan, ein kräftiger, energischer junger Mann, der wild durch das Leben stürmte. Selbstbewusst eroberte er jede Frau, die ihm gefiel, und so genoss er die Liebe in vollen Zügen.
Doch irgendwann war ihm das nicht mehr genug. Zu seinem Tatendrang kamen Unzufriedenheit und Unruhe. Es verlangte ihn nach geistigem Wachstum und Steigerung des Lebensgefühls.
Er kannte einen eigenwilligen Feuerkopf namens Loge. Dieser verstand zu denken wie kein Zweiter; aber er war stets unentschlossen und flatterhaft, weshalb seine Klugheit nie zu etwas Brauchbarem führte.
Wotan lernte von ihm, über sein Ich hinaus zu denken. Und da er sehr viel gewandter mit Lebensfragen umgehen konnte, begann er bald, seinen Geist als Instrument zu gebrauchen. Es verbanden sich Wille und Geist, und der Geist wurde dazu missbraucht, Machtgedanken zu entwickeln und Strategien zu erfinden, wie man sich über die anderen erheben könnte, wie die übrige Menschheit zu beherrschen wäre.
Doch für sein Begehren brauchte er Wissen; Einsicht in das Wesen von Natur und Welt, um sie nach seinem Willen formen zu können. Nur wer die Dinge begreift, kann sie auch verändern und besiegen.
Wotan stieg daher tief hinab zu den Wurzeln der Weltesche, dem Lebensbaum des Erdenkreises. Aus dem Wurzelwerk sprudelte eine Quelle. Wer daraus trinke, gewänne Einsicht in die Zusammenhänge der Dinge. Doch er müsse dafür ein Auge opfern. Wotan war zu diesem Opfer bereit. Um einen Blick ins Innere zu erhalten, verzichtete er auf einen Teil seiner äußeren Wahrnehmung.
Nun begriff er die Strukturen, die der Natur ihre Ordnung gaben, und er erkannte auch, welchen Leitsternen die Herzen und Seelen der Menschen folgen.
Wer herrschen will, der muss die bestehende Ordnung zerschlagen und eine neue Ordnung errichten, muss mit psychologischem Geschick die Menschen verführen und an die Leine nehmen. Das System muss durch ein Geflecht aus Verträgen und Dogmen gesichert werden.
Wotan schnitt daher aus der Weltesche einen Speer, in den er seine neue Ordnung, seine Gesetze und Verträge schnitzen wollte. Die Weltesche erlitt dadurch eine tiefe Verletzung, aus der fortwährend Flüssigkeit austrat. Sie begann zu verdorren.

Wotan ging ans Werk. Geschickt wählte er unter den Menschen Verbündete aus, deren Geltungssucht er dazu verwenden konnte, andere in seinem Namen zu besiegen und zu unterwerfen. Im Gegenzug wurden diese zu Sippenhäuptlingen ernannt und dadurch mit Status und Würde bedacht. So entstand eine hierarchische Gliederung der Gesellschaft. Sie wurde übersichtlich und beherrschbar. Die Verträge, die Wotan schloss und in seinen Speer gravierte, sowie die dogmatischen Grundsätze, die er den Untertanen vorgab, festigten das Gefüge. Dadurch aber wurde das Leben der Menschen freudlos und düster.
Unterhalb der Menschengesellschaft bildete sich die Schicht der Nibelungen. Sie waren ein fleißiges, jedoch unansehnliches, zwergenhaftes Bergwerksvolk. Nur selten kamen sie an die Oberfläche. Sie hausten dort, wo sie unablässig schufteten: in dunklen, schmutzigen Stollen.
Oberhalb der Menschengesellschaft gab es die beiden Riesen Fafner und Fasolt. Sie waren nicht sonderlich schlau und genossen daher wenig Ansehen, erhoben sich aber allein wegen ihrer Größe und Kraft über die Menschen.
An der Spitze der Gesellschaftspyramide stand natürlich Wotan, der sich schließlich zum Gott erklärte und einige Freunde ebenfalls in den Gottes-Stand erhob, um sie als Hofstaat um sich zu scharen.
Allen voran Loge. Ihn erklärte Wotan zum Gott über das Feuer, was seiner flüchtigen Natur am nächsten kam. Doch dieser tat sich schwer, sein Verhältnis zu Wotan zu bestimmen. Einerseits zog es ihn in die edle Gesellschaft, andererseits war er vorsichtig genug, seine Individualität nicht dem Mächtigen zu opfern. So zog er es vor, seinen Aufenthaltsort täglich neu zu wählen. Mal war er in Wotans Nähe, mal hielt er sich bei den Nibelungen auf, um deren Schmelztiegel mit Feuer zu versorgen, mal zog er sich in die Berge zurück.
Besondere Bedeutung hatte auch Freia. Wotan neigte dazu, sie eher etwas gering zu schätzen, doch kam er nicht umhin, sie zur Göttin zu erklären. Die junge, frühlingshafte Frau besaß nämlich einen Garten, in dem Äpfel wuchsen, deren Genuss den Göttern ewige Jugend und Kraft garantierte, und somit Unsterblichkeit. In Freia und den Äpfeln lag die geheimnisvolle Kraft von natürlicher, unverfälschter weiblicher Frische. Diese Naturkraft war als Oase inmitten der neugeordneten Welt verblieben. Selbst Wotan, der jede Natürlichkeit in seinem Sinne abzufälschen versuchte, musste sich eingestehen, dass er auf diese Quelle angewiesen war. Diese Tatsache verdrängte er oft leichtfertig - und damit auch die Bedeutung Freias.
Freia wurde verehrt von Froh, ihrem Bruder, einem etwas glatten Schönling, den Wotan aus familiärer Rücksichtnahme ebenfalls zum Gott erheben musste. Sehr viel lieber sah Wotan seinen Freund Donner, denn dieser verstand es, kräftige Gewitter zu erzeugen und damit Wotans Mächtigkeit den Menschen vorzuführen.
Als Herrscher geziemte es sich selbstverständlich zu heiraten. Und so wählte sich Wotan Fricka, die Schwester von Freia und Froh. Sie war aus gutem Hause und eine sehr schöne, aber nicht minder kühle Frau. Um ihr zu schmeicheln, log ihr Wotan vor, er habe sein Auge einzig ihretwegen geopfert. Er machte sie zur Göttin der Liebe, die auch über die Unverletzlichkeit der Ehe zu wachen hatte. Letzteres, um ihr zu bedeuten, dass er ab jetzt ein geordnetes Liebesleben führen wollte. Wotan wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er sich mit ihrer Inthronisation als Ehehüterin selbst eine Falle gestellt hatte.
Fricka litt jedoch weiterhin am ungebändigten, stürmischen Wesen ihres Gatten. Um ihn an ein Heim zu binden, verlangte sie schließlich den Bau einer Burg. Wotan war damit sofort einverstanden, denn er erkannte, dass jeder Herrscher ein Symbol, ein repräsentatives Bauwerk benötigt. Und so beauftragte er die Riesen Fasolt und Fafner, eine Festung auf einem hohen Bergfels am Rheinufer zu errichten.

2. Die Gegenmacht

Wotan hatte sein Herrschaftsgebiet gut gesichert. Es gab keinen Bereich, von dem Bedrohung ausging. Bis auf einen, dem er allerdings keine sonderliche Beachtung schenkte, weil er die Gefahr gering einstufte.
In der dunklen Tiefe des Rheines lagerte in einem Felsriff ein Goldschatz. Es wurde erzählt, dass sich aus einem Bruchstück davon ein Ring schmieden ließe, der maßlose Macht verleiht. Demjenigen, der den Ring trage, gebe er eine charismatische Ausstrahlung, der sich niemand entziehen könne. Die Befähigung, das Gold in die Form eines Ringes zu schmieden, bekäme aber nur derjenige, der gänzlich auf Liebe verzichtet. Die Herrschaftskraft entstünde also durch die Faszination des Bösen, die vom Träger ausgehe und andere in die Knie zwingt.
Wotan war im Grunde kein böse-dämonischer Gottmensch, und er war viel zu verwöhnt von den Annehmlichkeiten der Liebe, als dass er den Gedanken fassen wollte, der Liebe abzuschwören, um sich auch diese Machtquelle zu eigen machen zu können. Und von anderen glaubte er dies ebenfalls nicht.
Sicherheit bot der Rhein selbst. Dieser ließ das Gold von seinen Töchtern Woglinde, Wellgunde und Flosshilde bewachen. Als Gegenleistung griff Wotan in diese Naturlandschaft nicht ein, stattete allenfalls den Rheintöchtern gelegentlich einen Besuch ab. Denn die Rheintöchter waren äußerst attraktive und verspielte Wasserwesen, mit denen man sich angenehm die Zeit vertreiben konnte. Daher war es ihnen auch ein Leichtes, jeden, der dem Riff zu nahe kam, vom Gold abzulenken.

Eines Tages kommt der Nibelung Alberich auf seinem Weg durch unterirdische Gänge an dieser Stelle vorbei und hört das verführerische Singen der Rheintöchter.

 

Die Meistersinger von Nürnberg
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Auszug: Schluss des 2. Aufzuges

„Fanget an!“, ruft Sachs.
Beckmesser beginnt: „Den Tag seh ich erscheinen.“ Mit seinem Lied will er beschreiben, wie lohnend das Werben ist, wenn ein schönes Fräulein als Braut gewonnen werden kann. Doch er kommt nicht weit. Sachs hat schon an den ersten Worten etwas auszusetzen und schlägt mit dem Hammer.
Die Stimmung ist gereizt. Sofort reagiert Beckmesser. Sachs Einwände lässt er nicht gelten, doch ausführliche Diskussionen würden seinen Vortrag gänzlich zerstören. „Am besten, wenn ich ihn gar nicht beacht“, nimmt er sich vor. Also die Aufmerksamkeit nur auf die liebliche Jungfrau am Fenster richten und stur weitersingen! Beckmesser zupft seine Laute und vertieft sich in seinen Gesang.
Seine Weise ist gewöhnlich, die Verse sind ungelenkig, aber das Lied holpert zügig dahin – wenn man einige ausufernde Koloraturen außer Acht lässt. Doch als Sachs wieder zu schlagen beginnt, mischt sich rasch abermals Wut in seinen Ausdruck. Noch einmal lässt er sich zum Abbrechen und Schimpfen verleiten, aber die Dame am Fenster, die am Weggehen gehindert werden muss, zwingt ihn zum Weitermachen. Immer weiter entfernt er sich vom lärmenden Schuster, um unbehelligt zu sein, immer heftiger fährt er in die Seiten, immer lauter schmettert er sein Ständchen.
Endlich springt Sachs auf und ruft: „Seid ihr nun fertig? Mit den Schuhen war ich fertig schier!“
Beckmesser überhört dies trotzig und singt.
Dann passiert, was abzusehen war: Der Lärm hat David geweckt. Er schaut aus dem Fenster seiner Kammer und entdeckt Magdalene, die von einem Mann besungen wird. Jetzt kann er sich endlich erklären, weshalb sie heute so zickig war! Sie lässt sich von einem Anderen den Hof machen! Das soll der Kerl büßen!
Mit einem Knüppel bewaffnet steigt er auf die Fensterbank. Magdalene hat ihn bemerkt, will ihn noch mit Handzeichen besänftigen, um Schlimmes zu verhüten, aber Davids Eifersucht kennt kein Halten mehr. Ohne seinen Gegner zu erkennen, springt er auf die Gasse, reißt dem Sänger die Laute aus der Hand und schlägt auf ihn ein.
Der Gesang und der Lärm hat auch andere aus dem Schlaf geholt. Die Schlägerei entsetzt und beflügelt sie. Nein, so etwas darf es in einer ehrbaren Stadt nicht geben! Aber Anständigkeit und Sittenstrenge sind nur zu ertragen, wenn sie hin und wieder außer Kraft gesetzt werden können. Noch dazu in einer warmen Juninacht, vor dem Johannistag! Da kommen den braven Bürgern Rechnungen in den Sinn, die als offen empfunden werden. Da drängt es die rechtschaffenen Handwerker und schmalgehaltenen Lehrbuben, eine Explosion zu veranstalten. Eine Rauferei von Zweien ist dann das heimlich ersehnte Signal. Das Ventil, durch das sich der aufgestaute Mief den Weg ins Freie bahnen kann, ist geöffnet!
Im Nu sind Stöcke, Besen und Pfannen bei der Hand. In ihren Nachtgewändern springen sie sich an, beschimpfen, balgen und schlagen sich, zertrampeln die Blumen in den feingepflegten Gärtchen, tauchen sich in Brunnen und Eimer. Es herrscht Ausgelassenheit und Chaos – auf dem schmalen Grat zwischen Spaß und Ernst. Sie bedrohen sich mit Mord und Todschlag, finden aber bei blauen Flecken und harmlosen Prellungen ihre Grenzen.
David hat Beckmesser einige Male die Gasse hinauf- und hinuntergejagt. Die Rufe Magdalenes, mit denen sie das Missverständnis aufklären wollte, sind im Tumult untergegangen. Da wird Magdalene von Pogner zurück in die Kammer gezogen. Als Pogner feststellt, dass die Frauen die Kleider getauscht haben, macht er sich aufgebracht auf die Suche nach Eva.
Hans Sachs hat sich in den Hintergrund geflüchtet, von wo aus er die Rauferei und das Liebespaar beobachtet. Als die beiden die Gunst des Augenblickes nutzen wollen, um endlich die Flucht anzutreten, schreitet er ein. Er springt auf Walther zu und packt seinen Arm. Eva stößt er zu Pogner, der gerade auf die Straße eilt. Wahrend er Walther hinüber in seinen Schusterladen zieht, kann er auch David mit einigen Schlägen erreichen und einfangen. Der schwer angeschlagene Beckmesser, von seinem Verfolger befreit, schleppt sich davon.
Der Hornruf des Nachtwächters dringt durch das Schreien und Schlagen. Die Streithähne werden daran erinnert, dass ihre Explosion nur innerhalb eines bestimmten Rahmens stattfinden kann. Die Begrenzung ist erreicht, die Ordnungsmacht des Nachtwächters wird akzeptiert. Die Prügeleien hören unverzüglich auf, die Auseinandersetzungen werden für beendet erklärt. Die Handwerker, Hausfrauen und Lehrbuben verschwinden hinter den Fassaden, und die Behaglichkeit kehrt zurück. Nur die umgeknickten Blumen, die Scherben, Schlagstöcke, Eimer und verlorenen Schlafmützen erinnern an die Ausnahme, die dann und wann nötig ist.
Der Nachwächter kommt in die Gasse. Als er die Spuren sieht, schüttelt er den Kopf. Er ist ein braver, ausgeglichener Mann, weshalb ihn die Ausbrüche befremden, die sich gelegentlich hinter seinem Rücken abspielen.
So sind sie eben, die Leute, denkt er sich. Dann singt er seinen Spruch: „Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen: die Glock’ hat eilfe geschlagen. Bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk, dass kein böser Geist eur’ Seel’ bedruck’! Lobet Gott den Herrn.“
Noch einmal bläst er in sein Horn und setzt seine Runde fort.

Rigoletto

Auszug: 2. Unter den Augen des Fluches

„Der alte Mann verfluchte mich!“, spricht Rigoletto vor sich hin. Immer wieder. Wenn er unbeobachtet ist, bleibt er stehen und starrt auf eine Stelle am Boden. Dann wiederholt er diesen Satz. „Der alte Mann verfluchte mich!“ Er wird ihn nicht mehr los.
Der Herzog hatte heute, einen Tag nach dem Fest, keine Verwendung für ihn. So streifte Rigoletto stundenlang stumm durch den Palast. Inzwischen ist es Nacht geworden. In einen langen Mantel gehüllt überquert er die Plätze, kriecht durch die Gassen, auf dem Weg nach Hause.
Bislang konnte er das, was untertags im Palazzo Ducale geschehen war, die Eskapaden des Herzogs und die Balgereien mit den Höflingen, mühelos hinter sich lassen – doch heute ist alles anders. Wie eine Eisenkugel zieht er den Fluch hinter sich her, und er quält sich an jedem Schritt. Wie Fieber erdrückt er jeden freien Gedanken. Plötzlich spannt sich ein Seil zwischen dem Palast und seinem Haus, und er fühlt sich an den Herzog gefesselt.
Die Glut seines Hasses auf seine Missgestalt ist erneut aufgeflammt. Sein Inneres brennt und schmerzt. Seine Hörigkeit, seine schwarze Kumpanei mit dem Herzog hat ihn zu diesen rücksichtslosen Spottversen getrieben. Die Schläge, die er austeilte, um seinem Schicksal Gerechtigkeit abzutrotzen, drohen nun, ihn selbst zu treffen. Denn der Fluch fragt nicht nach Beweggründen, und er unterscheidet nicht zwischen böswilligem Täter und notgetriebenem Mitläufer. Beide, der Herzog und er, sind unter seinen Augen eins.
Seit der letzten Abbiegung verfolgt ihn ein Mann. Er trägt ebenfalls einen dunklen Umhang, dessen Kragen die Hälfte seines Gesichts verdeckt. Der Griff eines Schwertes ragt hervor. Die Kappe hat er weit über die Stirn gezogen.
„O Herr!“, ruft er plötzlich.
Rigoletto duckt den Kopf. „Geh, kann nichts geben!“, sagt er schnell und beschleunigt seinen Schritt.
„Ich bettle nicht!“
Rigoletto wendet sich um.
„Ein Mann, der Nebenbuhler für wenig lässt verschwinden!“ Der Fremde geht nah an Rigoletto heran. „Auch du hast welche!“
Rigoletto ist verunsichert. Einen Nebenbuhler hat nur, wer eine Geliebte besitzt. Der Mann redet Unsinn. Doch diese Anspielung könnte etwas mit der jungen Frau zu tun haben, die bei ihm wohnt. Womöglich geschehen bedrohliche Dinge hinter seinem Rücken, und längst bahnt sich ein Unheil an. Hat das höfische Leben nach seinem Privaten gegriffen? Am Ende sogar der Herzog? Ohne zu zögern fragt Rigoletto den Unbekannten, wie viel der Tod eines „Herrn“ kosten würde.
Die Summe will der Mann nicht nennen. Aber gezahlt werde zur Hälfte vor und zur Hälfte nach der Tat. Dann erklärt er, wie er seinen Dienst verrichten würde. Er morde nachts und auf offener Straße oder unter seinem eigenen Dach. Für Letzteres sei ihm seine Schwester behilflich, die auf der Straße tanze und das Opfer heranlocke.
Rigoletto hat alles verstanden. Der Mann scheint sein Gewerbe zu beherrschen, denkt er.
Der Auftragsmörder zieht sein Schwert ein wenig aus seinem Umhang. „Dies ist mein Instrument. Ist’s gefällig?“
„Nein, jetzt nicht!“, antwortet Rigoletto schnell. Bloße Besorgnis rechtfertigt keinen Auftrag.
„Desto schlimmer für dich“, raunt der Mann. Für ihn gibt es momentan nichts zu holen. Sparafucile heiße er. Hier in dieser Gasse sei er jeden Abend zu treffen.
Rigoletto will diese Abgründigkeit nicht fortspinnen. „Geh!“, faucht er leise, als sei der Mann eine Erscheinung aus einem schwarzen Reich.
Sparafucile zieht die Kappe zur Verabschiedung, und im Nu ist er hinter einer Mauer verschwunden.
Ebenfalls ein Abseitiger, sinniert Rigoletto. „Mir dient die Zunge, ihm dient der Stahl.“ Ich bin der Mann des Scherzes, er des blut’gen Ernstes!“
Er geht weiter, und schon bald kehren die Gedanken an den Fluch zurück. Sein Leben hat sich verändert, es hat sich noch weiter eingetrübt. Noch deutlicher als sonst spürt er den Gegensatz zwischen dem hellen, heiteren Dasein des Herzogs und seiner eigenen Existenz. Während der Herzog die Annehmlichkeiten seiner Herrscherpracht ungetrübt genießen darf, muss er, Rigoletto, seine Seele verraten, um dessen Ausschweifungen mit Possen umspielen zu können. Der Herzog fährt reiche Ernte ein, während er nur armselige Versuche unternehmen kann, einige Sonnenstrahlen in seine Erde zu lenken. – Doch vor den Augen des Fluches ist alles eins.
Ist Sparafuciles Andeutung ein Hinweis darauf, dass der Herzog bereits in sein Privates eingedrungen ist? Dass ihn mit dem Herzog nicht nur jene schwarze Kumpanei verbindet, sondern inzwischen sogar eine Gegnerschaft?
Rigoletto freut sich auf zuhause, auf die junge Frau. Das unaufhörliche Kreisen im Kopf will er endlich unterdrücken.

 

Ein Maskenball

Auszug: 2. Auf dem Galgenfeld

Als müsse es so sein: Heute ist Vollmond. Es geht auf Mitternacht zu. Das grobgeschlagene Holz der Galgen glänzt im weißen Licht. Die abgewandten Flächen sind pechschwarz. Ein Kauz lässt sich auf einem Querbalken nieder. Lautlos. Er äugt über die fleckige Grasfläche des Hügels. Nichts bewegt sich. Er fliegt auf und schießt in die Ferne.

Amelia hatte keine Mühe, heimlich aus dem Haus zu kommen. Nur gegenüber dem Diener musste sie eine Lüge gebrauchen. René wollte sich in der Stadt umsehen. Er sagte, er sorge sich um das Leben Richards.

Eine Kappe und ein Schal machen René unkenntlich. So trifft er in einer Seitenstraße in unmittelbarer Nähe der Villa des Gouverneurs auf eine Gruppe von Männern. Sie sind allesamt dunkel gekleidet. Unter ihren Hüten blitzt nur das Helle der Augen hervor. René identifiziert Tom und Samuel – also ist er hier richtig. Mutig stellt er sich an den Rand der Ansammlung. Niemand fragt. Die Männer glauben offenbar, dass er zu ihnen gehört.

Im Arbeitszimmer des Gouverneurs brennt kein Licht. Um diese Zeit sei der Graf meist noch wach, flüstert Tom. Er ist wohl unterwegs. Aber wo? Samuel schlägt vor, die Straßen durchzukämmen. Man werde ihn gewiss irgendwo aufgreifen. Alle stimmen zu, auch René. Sie ziehen los.

An einem Ahornbaum am Ende des Weges zur Hinrichtungsstätte macht Amelia Halt. Sie will sich ein letztes Mal geborgen fühlen, bevor sie den Hügel besteigt. Lange betrachtet sie die Galgen, die wie hölzerne abgeknickte Spinnenbeine in den Mondhimmel ragen. Es ist still. Nur ein Tier kreischt in weiten Abständen. Der Laut ist so ungewöhnlich, dass Amelia das Tier nicht erkennt. Sie versucht, das Zauberkraut auszumachen. Gerne würde sie in einem Zug loslaufen, mit einem Schnitt das Kraut ernten und zurück zu diesem Baum flüchten. Doch die Entfernung ist zu groß. Sie wird die Pflanze suchen müssen, indem sie das Gelände sorgfältig abschreitet.

„Und sollt ich jetzt hier sterben?“, flüstert sie sich zu. Sie überwindet sich. „So sei es!“ Wie auf einem Drahtseil, irgendwo zwischen Leben und Tod, geht sie mit bewusst gesetzten Schritten los.

Sie umkreist den ersten Galgen, nähert sich vorsichtig seinem Fuß.

Wie erleichternd wäre es, wenn das Kraut tatsächlich das verstörende Liebesgefühl vertilgen könnte. Aber will sie das wirklich?, denkt sie plötzlich. „Doch, was bleibt, wenn die Liebe verging?“ Ihre Liebe zu René. Gibt es diese Liebe noch? Was geschieht mit einem Herz, das sich ablösen möchte und das ersehnte neue Ziel nicht anstreben darf?

„Fasse Mut und verbanne das Zagen!“, mahnt sie sich. Ein Leben ohne dieses Liebesgefühl zu Richard ist nicht denkbar. Was dann? Sie blickt hinauf zum Mond, der stumm und kühl auf sie herunterblickt. „Oder schlage nicht länger, mein Herz, ach, erliege dem tiefen Schmerz.“

Mitternacht. Vom Kirchturm auf dem Stadtplatz schreit eine Glocke in das Land.

Der metallische Laut bohrt sich in Amelias Kopf. Jetzt muss sie das Kraut finden und schneiden. Sonst war alles nutzlos.

Am Fuß des nächsten Galgens flackert ein Irrlicht. Es schießt auf zu einer mächtigen Säule. Sie droht, auf Amelia zu kippen. „Ein Gespenst, es entsteigt der Erde!“ Sie erkennt glühende Augen. Kraftlos fällt sie auf den Boden. „Du Allmächtiger, erbarm dich mein!“, betet sie. „Ewiger Gott, erbarm dich mein.“

Plötzlich fassen Hände ihre Schultern. Sie lässt sich ergeben aufziehen.

„Ich bin dir nah!“

Richard steht vor ihr. Er reißt seinen weiten Hut herab, um sich zu zeigen. Unwillkürlich sinkt sie in seine Umarmung. Seine Liebkosung beruhigt sie.

Doch nur kurz. „Ach, lasst mich, flieht!“ Sie stößt sich ab. „Verlasst mich, schont meine Ehre, tiefe Schmach bedroht mein Leben, habt Mitleid mit meiner Pein!“

 

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