Tristan und sei Oide

 

oder

Aufstand der Wagner-Weiber

 

 

Theatergruppe

Artanos München

Juli 2014

Freilichtbühne im Behrpark

 

www.artanos.de

 

Unter Führung von Brünnhilde haben sich die Wagnerweiber aufgemacht, um Isolde aus Bad Irrling vorm drohenden Bühnentod zu bewahren. Sie treffen sich im heruntergewirtschafteten Kareol-Wirt, den Tristan von seinem Onkel, dem Brauerkönig Marke gepachtet hat. Tristan zeigt sich so schwermütig und träge, dass die Wagnerweiber Isolde schon "so gut wie tot" sehen, wenn beide zusammentreffen. Die Lage spitzt sich zu, als Onkel Marke Tristan überredet, in Bad Irrling eine Baustelle einer neuen Pilgerherberge zu verwüsten. Bauherrn sind Isolde und ihr Verlobter Morold. Tatsächlich verirrt sich Tristan nach der Keilerei verletzt in einen Ufergarten, in dem Isolde gerade auf ihren Verlobten wartet. Sofort fangen die beiden Feuer. Aber Brünnhilde ist zur Stelle und wirft sich mit ihren Genossinnen ins Geschehen? Erfolgreich? Jedenfalls sind noch viele Beinahekatastrophen zu umschiffen.
Wagners Musikdrama so, wie man es schon immer erleben wollte.

 

 

Rezension "Der Opernfreund"
von Frank Piontek

Hojotoho! Aus iss!“

Kein Opernkomponist wurde bekanntlich so oft parodiert wie Richard Wagner. In Bayreuth hat die Studiobühne seit über drei Jahrzehnten die Hand darauf, die allsommerlich – und sehr erfolgreich - ihre Wagneriana in Steingraebers Hofbühne spielt. Uwe Hoppes Parodien sind indes eher grelle wie harte Übersetzungen von des Meisters Meisterwerken, doch es geht auch anders – und woanders. Es geht auch oberbayerischer: also „gemütlicher“, offensiv komischer, knörziger – und versöhnlicher.

Happy End muss schließlich sein, wenn die Theatertruppe Artanos im Münchner Stadtteil Berg am Laim auf die Laienbühne tritt. Ihr Autor ist in Wagnerfachkreisen, neuerlich auch bei den Verdi-Freunden, kein Unbekannter, denn „Tristan und sei Oide“, wie die Wagnerparodie zünftig heißt, wurde von Rolf Stemmle geschrieben. Die Festspielbesucher kennen ihn als Verfasser der kleinen weißblauen Hefte (...) Seit einigen Jahren liegen bei einem renommierten Wissenschaftsverlag auch exzellente, interpretierende Nacherzählungen aller (!) Wagner-Opern vor; nun hat der leidenschaftliche Theaterautor und menschenfreundliche Satiriker sich der erschröcklichen Tragödie des Tristan und seiner Isolde angenommen. Bereits 2011 kam es bei der Münchner Volkssängerbühne heraus – nun feierte es in Tristans Uraufführungsstadt, wo schon 1865 die Parodie „Tristanderl und Süßholde“ Gelächter provozierte, eine zweite Premiere. (...) Dem großen Premierenpublikum gefällt's, wie da die Geschichte (die natürlich nicht jedem Zuschauer so bekannt ist wie dem Opern-Aficionado) samt Vorgeschichte ins Oberbayerische übersetzt wurde.

Nun trägt das Stück aber auch einen Untertitel: „Der Aufstand der Wagner-Weiber“. Stemmle hatte den schönen Einfall, die Damen Elsa, Senta, Eva und Elisabeth – unter Leitung der resoluten Brünnhilde – in den Komödienstadl einbrechen zu lassen. Liebestode müssen schließlich zwischen Bad Irrling und Kornberg nicht sein. So endet die Biergartenkonkurrenzkomödie im mehrfachen Liebesglück: beim Kareol („König Marke Bräu“) dürfen sich die Isolde und der todessüchtige Tristan denn doch noch glücklich küssen; Brangäne wird zusammen mit Kurwenal (ein Recke in Edellederhosen) einen schönen Biergarten eröffnen, und auch Morold kommt mit dem Leben davon. Leben und leben lassen – am oberbayerischen See gilt's dem Bier, einem wahren Lebenstrank.

Ja, die Gschicht um die verfeindeten Gastgarten- und Pilgerherbergsdynastien (samt authentischer Keilerei) ist, bezogen auf Wagners Dramaturgie, fast werktreu zu nennen. Was die grundehrlich gemachte Theatersache unter der Regie von Karin May-Brandstätter und Elisabeth Kugler so amüsant und besonders macht, sind die liebenswürdigen Figuren, die sich in den a-capella- und den Solo-Gesang hineintrauen, sind die beiden Streicher, die mit Cello und Geige den Wagner auch musikalisch variieren; die Motive verwandeln sich plötzlich in einen Zwiefachen, so wie aus dem Schwertstück in Morolds Leib eine abgerissene Adlerfeder vom Trachtenhut wurde. Man schunkelt sich schön in die Liebestodmelodie hinein. Tristan, Schatzerl – Isolde, Spatzerl: das reimt sich nicht nur, das parodiert das Liebesgesäusel auf ganz eigene Weise. Selbst der Mond bekommt einen Extraapplaus. Fast das letzte Worte aber, das den Wagner und die Komödie, das vermeintlich Hohe und das nur scheinbar Niedrige elegant verbindet, hat das Wagnerweib Brünnhilde: „Hojotoho! Aus iss!“

Fotos: Franz Still


 

   

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