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Zeitgenossen

 Eine Komödie
von Rolf Stemmle

Person:
Ludwig

Ort und Zeit:
Terrasse eines Einfamilienhauses
in einer Kleinstadt 

Keine Pause

 

Aufführungsrechte beim Deutschen Theaterverlag
Manuskript zur Ansicht zu bestellen bei:
Deutscher Theaterverlag, 200263, 69459 Weinhein
 www.dtver.de

       
 
Rolf Stemmle hat sich den Größenwahnsinn gegönnt, einen Monolog zu verfassen ohne knallige Handlungselemente und mit windiger Licht- und Bühnenausstattung. (Die Woche, Regensburg)

Der anderthalbstündige, unprätentiös, zurückhaltend inszenierte Monolog ist von Anfang bis Ende spannend. (Mittelbayerische Zeitung)

   
 

Der gutsituierte Geschäftsmann Ludwig hat einen todkranken Jugendfreund zu Besuch (stumm außerhalb der Bühne). Ludwig ist Mitglied eines Vereins, der Begräbnisse psychologisch geschickt inszeniert, so dass der gewünschte "bleibende Eindruck" wachgerufen wird. Bei seinem Beratungsgespräch nutzt Ludwig selbstgefällig die Gelegenheit, fremde, orientierungslose Lebensentwürfe zu zerpflücken und seinen eigenen, traditionsgetreuen Weg herauszustellen. Doch der Brief einer verdrängten Jungendliebe, der ihn erreicht, führt ihn zu bedrohlichen Zweifeln. Hektisch versucht er, die aufkeimenden Gedanken klein zu halten.
Packendes Einpersonen-Psychodrama!

       
 

Textprobe 

Terrasse eines Einfamilienhauses.

Ein Nachmittag im Sommer.

Haus, Terrasse und Garten sind gut gepflegt. Als Wohnhaus eines wohlhabenden Geschäftsmannes in den 50er Jahren erbaut, ist es in die Hände seines Sohnes Ludwig und dessen Familie übergegangen. Das Anwesen wird in Ehren gehalten, jedoch dem modernen Lebensstil angepasst.

Im rechten Teil der Terrasse befindet sich eine Sitzgruppe sowie ganz vorne rechts eine Pflanzenschale. Ludwig wird sich in einen großen Gartenstuhl setzen; rechts daneben steht ein Tisch, davor (Richtung Publikum, bereits außerhalb der Bühne und daher in der Aufführungssituation imaginär) ist Michael in einem weiteren Gartenstuhl zu vermuten. Alles hat Ludwig für ein ausführliches Gespräch mit seinem alten Schulfreund und Klienten Michael vorbereitet.

Sämtliche Gegenstände, die Ludwig während des Stückes seinem Gast reichen wird (Kaffee-Geschirr, Whiskey-Glas usw.) stellt er unter eine Abdeckung an der Vorderseite des Tisches (und jenseits der Bühnenbegrenzung), die vom Publikum nicht eingesehen werden kann. Nach dem Essen holt Ludwig leeres Geschirr (mit Speiseresten) unter der Abdeckung hervor. Auf diese Weise soll die in der Spiel-Wirklichkeit tatsächliche Anwesenheit Michaels deutlich gemacht werden.

Auf dem Tisch befindet sich ein Kassettenrekorder, ein Handy, Aktenmappen, Tonbandkassetten usw.; rechts im Hintergrund an der Wand ein Hocker, den Ludwig später hervorholen wird, um seine Beine darauf zu legen.

Der linke Teil der Terrasse ist im wesentlichen leer. Lediglich weitere Pflanzenschalen, Blumenkästen und -töpfe bilden einen Zaun zum Rasen; vielleicht gibt es dort auch eine kleine Statue, ein besonderes Bäumchen oder eine Säule mit Goldfischglas. An der Seite stehen eine Gießkanne sowie ein Metalleimer.

Die Hauswand begrenzt die Bühne nach hinten. Sie wird durch die Terrassentür in zwei Hälften geteilt. Links rankt Efeu an einem Spalier empor, rechts hängt ein Gewürzstrauß.

Aus dem Kassettenrekorder erklingt "Der Schwan von Tuonela" von Jean Sibelius - ein äußerst weiches und ruhiges Stück, das eine trostlose Stimmung vermittelt. Der Telefonhörer liegt unmittelbar am Lautsprecher. 

Die Bühne bleibt einige Zeit leer.

Ludwig tritt mit einem kleinen Aktenordner aus dem Haus.

Er ist Anfang 40, aktiv und kräftig, gewandt und gut gelaunt. Sein Selbstbewusstsein gibt ihm die Sicherheit, sich "Mitten im Leben" zu fühlen und den "Stürmen des Lebens" gewachsen zu sein. Es verursacht ihm keine Probleme, sich unter seinen Status zu begeben, weil gerade dadurch sein Status deutlich wird. Durch diese markige Festigkeit gerät er in die akute Gefahr, überheblich und unsympathisch, ja sogar skurril und unfreiwillig komisch zu wirken. Mit höflichem, freundlichem und kumpelhaftem Verhalten versucht er dem zu begegnen.  

Zunächst steuert Ludwig eilig auf das Handy zu, doch dann hält er inne und blickt zu Michael.

Ludwig teilnahmsvoll:

Ich bewundere deine Stärke, Michael.

Ich weiß nicht,

wie ich in einer solchen Situation

reagieren würde.

Sicher, man lebt und kämpft...

aber wenn dann alles...

...in zwei Monaten...

...vorbei sein soll...

Schule, Zivildienst, Studium,

und dann... dein Tibet...

 

  Ganz bestimmt trotzdem

ein wertvolles Leben...

 

  Du empfindest meine Worte sicher

hohl und überflüssig.

Es fällt einem Außenstehenden schwer,

die richtigen Worte zu finden.

 

  (Peinlichkeit.)

 

  Entschuldige,

das Telefon hat uns unterbrochen.

Eine wichtige Klientin.

Es dauert nur ein paar Minuten.

 

  (Am Handy, verhalten.)

Ja, gnädige Frau, ich bin wieder dran.

Ich habe nur schnell unseren Vertrag geholt.

 

  (Blättert.)

 

  Wir haben

bis zu zehn Änderungen pro Jahr vereinbart.

Das wird jetzt die achte.

 

  Ich nehme an, das Stück ist richtig.

 

  Haben Sie mit Rechtsanwalt Reiner schon

über das Testament -

die Änderung -

gesprochen?

 

  Ja, ich lasse es noch ein bisschen.

 

  (Legt das Handy wieder zum Rekorder.)

 

  (Zu Michael.)

Eine äußerst feine Dame,

Ende Sechzig.

Hat immer wieder Bekanntschaften

mit sehr viel jüngeren Herren;

verliert ihr Herz

und dann die Herren.

Und dann ändert sie jeweils das Testament

und die Trauermusik.

 

  Das hier erinnert sie an eine Bootsfahrt

auf dem Tegernsee -

im Nebel.

 

  (Lauscht vorsichtig am Hörer.)

 

  Sie kann gar nicht genug kriegen

von dieser Traurigkeit.

Unerträglich,

wenn ich eine solch schwermütige Frau zuhause hätte.

 

  So, jetzt ist's genug.

 

  (Am Telefon, behutsam.)

Gnädige Frau...

gnädige Frau, darf ich abbrechen?

 

  (Schaltet den Rekorder ab.)

 

  Geht alles in Ordnung.

Alles ist gut.

 

  Jaja, natürlich.

Wiederhören, gnädige Frau.

Ja.

Ja natürlich...

Wiederhören.

 

  (Beendet das Gespräch, setzt sich in den Gartenstuhl.)

 

  (Zu Michael.)

Es ist keine leichte Aufgabe,

die sich unser Verein da aufgebürdet hat.

 

Für den Tod

die individuelle Atmosphäre heraus zu arbeiten,

erfordert Menschenkenntnis

und zielgerichtetes Denken.

Der Klient wird seinerseits gezwungen,

sich bedingungslos

mit dem scheidenden Leben auseinander zu setzen.

 

  (Erinnert sich.)

Ach! Es tut mir wirklich leid,

ich muss meine Frau noch wecken.

Sie verschläft regelmäßig

den Termin im Studio.

Das machen die Medikamente.

Ihre Migräne ist ein Wahnsinn!

 

  Übrigens,

du kennst meine Frau!

Agathe.

Erinnerst du dich?

Die schwarzhaarige Große

aus der Klasse hinter uns.

Natürlich kennst du sie!

Ihr habt auf dem Sommerfest

gemeinsam Gitarre gespielt.

Ja, genau! Agathe!

Mit der der alte Geiber,

wohl gerne...

Du erinnerst dich...?

(Stolz.)

Agathe, die habe ich geheiratet!

Gleich nach dem Studium in Regensburg,

als ich zurück nach Straubing kam.

 

  (Wählt.)

 

  (Am Handy.)

Ja, es ist zwei.

Ich habe Besuch.

Ein alter Freund - und auch Klient.

 

  (Zu Michael.)

Was?

 

  (Am Handy.)

Ich soll dich von ihm grüßen.

Michael.

Du hast mit ihm Gitarre gespielt

auf dem Sommerfest im Gymnasium.

 

  (Zu Michael.)

Einen schönen Gruß zurück.

 

  (Am Handy.)

Bitte sag' Diana,

sie soll Kaffee aufsetzen.

Ja, sie poliert gerade die Spiegelwand im Flur.

Später erntet sie die Kirschen.

 

  Schau bitte nach,

ob Papa noch etwas braucht!

Es ist heiß.

Mach seine Vorhänge zu!

 

  (Beendet das Gespräch. Macht es sich bequem.)

 

  Wir sind jetzt ungestört.

Nur Patrick wird bald aus der Schule kommen.

Aber der macht dann Hausaufgaben

und spielt leise am PC.

 

  (Sammelt sich.)

 

  Ich finde es sehr gut,

dass du zu mir gekommen bist.

Ich habe lange nichts von dir gehört.

Schön, dass dich die Erinnerung

zu deinen alten Freunden führte.

 

  Du hast dich zunächst an Bertold gewandt.

Ich nehme an,

das Testament ist fertig

und bei ihm auch hinterlegt.

 

  Von der Notwendigkeit einer

angemessenen Beerdigungszeremonie

hat er dich wohl

tiefgreifend überzeugt.

Ja, das kann er gut, der Bertold!

Das Thema liegt ihm sehr am Herzen.

Er hat es schließlich auch geschafft,

mich,

der für solche Dinge gänzlich unempfänglich war,

voll und ganz zu gewinnen.

Er brauchte einen Partner

für diesen schwierigen Bereich.

Einen Mann aus der Geschäftswelt

mit Muße zu einem außergewöhnlichen Hobby;

der analytisches Marketing

mit einfühlsamer Menschenkenntnis

zu verbinden vermag.

 

  Mit zu uns gehören ferner

ein Psychologe -

für die Bewältigung von Lebenskrisen,

ein Bestattungsunternehmer -

für den organisatorischen Teil

sowie

ein Pfarrer -

für das Religiöse.

 

  Wir nennen uns

"Verein für lebens-konformes Sterben".

 

  Das klingt zunächst absurd,

ist aber im Kern

eine äußerst logische

und notwendige Angelegenheit.

 

  Ich will das Problem an einem Beispiel erläutern:

 

  Vor vielen Jahren starb

die Mutter eines alten Freundes -

aus einer alt-ehrwürdigen Familie.

Die Frau war bekannt

für ihre Lebensfreude,

für ihr freies Denken

und für diverse Liebeleien.

 

  Die letzte Rede hielt ihr Bruder,

ein braver, weicher, makelloser Mann.

Er nützte die Gelegenheit,

die Schwester postum glatt zu hobeln;

so glatt,

dass sie die übrigen Verwandten

im Magen der Familientradition

bequem verdauen konnten.

Nach der Rede erklang der Lieblingsmarsch des Bruders,

der Grabstein wurde grau und bieder.

 

  Es ist,

als hätte sie nie

ihr eigenes Leben gehabt:

die Lebensfreude abgesenkt,

das freie Denken eingesperrt,

die Amouren zu Fehltritten erklärt.

 

  Die Familientradition

hat am Ende Recht behalten.

 

  Hinterbliebene nützen so was aus!

 

  Wir wollen den Toten

vor den Hinterbliebenen schützen.

Das ist nötig.

Dringend.

 

  Was mit dem Eigentum geschieht,

das regeln die Menschen seit Jahrtausenden

in Testamenten und Erbverträgen.

Aber um den letzten,

den bleibenden Eindruck,

kümmern sich nur wenige.

 

  Selbstmörder

haben da mit ihren Abschiedsbriefen

immer schon

moderner gedacht.

 

  Auch zu meinen Instrumenten

zählt der Abschiedsbrief.

Hauptsächlich aber

die Rede -

vorzugsweise die persönliche Tonbandrede -

und die Begräbnismusik.

 

  (Vorsichtig.)

Ich hatte dich am Telefon gebeten,

ein paar Gedanken festzuhalten.

 

  (Nimmt eine Kassette unter der Abdeckung hervor.)

 

  Schön, das macht den Anfang leichter.

 

  Deine Infektion...

unterbrich,

wenn es Dir geschmacklos scheint!

...Deine Infektion erleichtert uns're Arbeit.

Dein -

Ableben -

ist in zwei Monaten zu erwarten.

Ungefähr.

Die Zeit ist lang genug,

die Worte genau zu wählen;

und sie ist kurz genug,

aktuelle Bezüge

zum Zentrum der Konzeption zu machen

und aus ihnen heraus,

den Gesamteindruck zu formen.

Alles wird zur Einheit!

 

  Bei der ält'ren Dame,

mit der ich vorhin sprach,

ist die Rede inzwischen Flickwerk geworden

- unter uns gesagt.

Weil sie ewig nicht stirbt

und ständig Neues kommt.

 

  (Legt das Band in den Rekorder und schaltet an.)

 

  Ich schlage vor,

wir hören jetzt dein Band.

 
       
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