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Der Wohltätige

Eine Tragikomödie
von Rolf Stemmle

Personen:
Emanuel Grimmgärtner
Pauline Zink
Volkmar Hesselkamm, ein Freund Emanuels
Besel, eine todkranke Nachbarin
Corinna Neugießer, eine Studentin

Ort und Zeit:
Emanuels Wohnzimmer, Gegenwart

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

Emanuel ist Mitglied einer atheistischen Gemeinschaft, die vorgeblich das Ziel verfolgt, das irdische Leiden zu verringern. Das ist Emanuel nicht genug, er will selber Gutes tun. Um der todkranken Nachbarin Besel ein Ende im Pflegeheim zu ersparen, holt er sie zu sich ins Haus. Pauline, die Exfreundin seines verstorbenen Bruders, soll gegen Bezahlung Besel pflegerisch versorgen. Doch es gibt Gerüchte um den Tod des Bruders und Emanuels Begehrlichkeiten gegenüber Pauline. Die Situation eskaliert, als sich diese Gerüchte mit diffusem Engelsglauben mischen.
Eine düstere Komödie über weltanschaulichen Fanatismus.

       
 

Textprobe  

Erstes Bild 

Wohnzimmer in Emanuels Einfamilienhaus.

Der Raum ist gutbürgerlich eingerichtet. Türen zum Eingangsbereich, in die Küche sowie in ein Gästezimmer. Hinter einer Glastüre ist die Terrasse mit großem Garten anzunehmen.

Emanuel, um die 50, sitzt bei einer Tasse Tee am Tisch und löst ein Kreuzworträtsel in einer Tageszeitung.

Es läutet an der Haustür. Er geht nach draußen und kommt mit Volkmar zurück. Volkmar trägt eine Tüte mit einem schweren Gegenstand.

Emanuel:                      Was schleppst du denn herein?

Volkmar:                       Das hab ich dir mitgebracht. (Er holt ein etwa 40 cm langes, verzweigtes Eisenstück aus der Tüte und legt es auf den Tisch.) Daraus kannst du bestimmt was machen.

Emanuel:                      Mhm.

Volkmar:                      Vielleicht einen Elch. Oder ein Fabelwesen.

Emanuel:                      Mich erinnert es an eine Tänzerin.

Volkmar:                      Ja, was du willst. Das Hotel hinterm Bahnhof wird doch gerade abgebrochen. Ich nehme an, das ist ein Stück vom Aufzug. Oder von der Heizung.

Emanuel trägt das Gebilde auf einen Nebentisch: Danke dir. Ich werde mir was einfallen lassen.

Volkmar:                      Deine Vernissage fand ich übrigens sehr gelungen. Ich verstehe zwar nichts von Kunst, aber die Vernissage war toll. Nette Leute.

Emanuel:                      Setz dich her. Ich habe eine neue Sorte zum Probieren.

Emanuel geht in die Küche. Volkmar studiert das Kreuzworträtsel. Emanuel kommt mit zwei kleinen Pappbechern mit Eis.

Emanuel:                      Waldbeere. Heute Morgen frisch gemacht.

Volkmar:                      Mmm, danke dir! Der Papstname mit vier Buchstaben ist übrigens Pius. – Ich mag keine Kreuzworträtsel. Das Verhältnis zwischen „Suchaufwand“ und „praktischem Nutzen“ ist mir zu ungünstig.

Emanuel:                      Danach suche ich schon eine halbe Stunde: „Grund“.

Volkmar:                      Grund? Vier Buchstaben. Erde.

Emanuel:                      Hier ist schon ein N.

Volkmar:                      Das Suchen darf kein Selbstzweck werden.

Emanuel:                      Sei nicht schon wieder so philosophisch! Das wird ebenfalls leicht zum Selbstzweck! Es gibt einen CD-Player zu gewinnen.

Volkmar:                      Nichts gegen ein bisschen materielles Vergnügen, aber du hast schon etliche. Jetzt weiß ich’s: Der „Sinn“ ist ein „Grund“.

Emanuel:                      Gut! Logisch! (Schreibt es ein.)

Volkmar:                      Du hast eine freundliche Besprechung in der Zeitung gekriegt.

Emanuel:                      Lies mal zwischen den Zeilen! (Blättert eine andere Seite auf.) „Besonders gelungen die Laudatio von Raiffeisenbankdirektor Ewald Halter. Natürlich wartete Emanuel Grimmgärtner anschließend mit Köstlichkeiten aus seiner Chocolateria auf. Die Raiffeisenbank hat damit erneut bewiesen, dass sie ein eindrucksvolles Forum für erlesene Sonntagskunst geworden ist.“ – Das wird mir nicht gerecht!

Volkmar:                      Aber Emanuel! „Erlesen“!

Emanuel:                      Eine Pralinenauswahl ist „erlesen“, oder eine Kaffeesorte. Gut, ich bin Eis- und Feinkosthändler, das ist nichts Schlechtes, aber bei einer Vernissage bin ich Künstler, der seelenvolle Skulpturen schafft!

Volkmar:                      Den Leuten hat’s gefallen. Dein Waldbeer-Eis ist übrigens ein absolutes Highlight! – Komm jetzt, hol die Mappe. Wir müssen heute endlich den wichtigen Schritt vollziehen! Unsere Sache verlangt es!

Emanuel:                      Hier habe ich noch eine Nugatpassion für dich.

Volkmar:                      Ich sollte endlich lernen, mit leerem Magen zu dir zu kommen!

Emanuel holt aus einer Schublade eine Mappe.

Volkmar:                       Lies noch mal vor. Mein Kanzleikollege wird zwar alles rechtlich durchprüfen, aber ich will sicher gehen, dass wir die Sachdetails richtig aufgeschrieben haben. – Warum bist du so langsam?

Emanuel:                      Es ist eine wichtige Entscheidung.

Volkmar:                      Jederzeit widerrufbar, wenn du es mal anders haben möchtest.

Emanuel:                      Aber du weißt ja, wie das ist: Man macht schnell ein paar Festlegungen und verschleppt das Revidieren.

Volkmar:                      Jetzt lies schon!

Emanuel:                      „Mein letzter Wille! Da ich nur Verwandte dritten und höheren Grades besitze, setze ich zu meinem Erben ein: Stiftung Walter Gallwich, Cincinnati, 1243 Flower Street. Mein Vermögen umfasst mein Eigenheim mit angeschlossenem Ladengeschäft, Föhrenweg 17, Großwaldenheim sowie Konten und Depots bei der Raiffeisenbank Großwaldenheim. Hierzu erkläre ich folgendes: Ich bin im Laufe der Jahre zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Orientierung auf ein jenseitiges Leben grundlos und unsinnig ist, weshalb ich das Vorhaben von Walter Gallwich, Wohltätigkeit im Diesseits zu verbreiten, voll und ganz unterstütze. Dies soll über mein Ableben hinausgehen. Alle, die mir nahe standen… (unterbricht.) Volkmar, ich habe es mir überlegt: Ich werde nicht unterschreiben.

Volkmar:                      Aber Emanuel! Nächste Woche predigt Gallwich im Blauen Ochsen! Da wollten wir doch …

Emanuel:                      Tut mir Leid, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen.

Volkmar:                      Was ist denn los? Alles ist vorbereitet! Gib’s zu: Du bist vor Pfarrer Schweiglein eingeknickt! Er hat dich zum Gottesglauben überredet!

Emanuel:                      Unsinn!

Volkmar:                      Also, was?

Emanuel:                      Ich hatte heute Nacht einen wichtigen Traum!

Volkmar:                      Mein Gott, wie romantisch! Ich habe auch was geträumt, aber deshalb werfe ich nicht alles über den Haufen!

Emanuel:                      Danach lag ich wach und habe nachgedacht. Zwischen zwei und drei. Da ist man völlig unbeeinflusst.

Volkmar:                      Und, was hast du geträumt?

Emanuel:                      Ich möchte den Inhalt für mich behalten. Aber meinen Entschluss möchte ich dir sagen.

Volkmar:                      Dass du das Testament nicht unterschreibst!

Emanuel:                      Es ist gut, dass wir es abgefasst haben. Vielleicht unterschreibe ich es ja noch – später. – Du weißt, ich führe ein glückliches Leben. Nach einigem Hin und Her. Ich habe ein schönes Haus, ein florierendes Geschäft. Gut, meine liebe Heidrun ist mir vor ein paar Jahren weggestorben; wie ich dir erzählt habe, unter fürchterlichen Umständen. Das hätte nicht sein müssen, wenngleich ich sie nicht sonderlich vermisse. Offen gesagt. Unsere Ehe war nicht unproblematisch. Was nicht ausbleibt im Leben: Eine Sinnkrise, die Frage, was man hier eigentlich soll. Ich habe sie in Griff bekommen. Dank der Wiederbelebung meiner kreativen Kräfte, habe ich mir einen Ausfluss für meinen Äußerungsdrang geschaffen.

Volkmar:                      Und natürlich …

Emanuel:                      Und natürlich mein Anschluss an die Gallwich-Gemeinde, das vergesse ich nicht!. Das Akzeptieren der Tatsache, dass wir alle nur einem völlig zufälligen Zusammentreffen von Faktoren entspringen und folglich jegliche Sinnsuche einstellen dürfen, hat mir sehr geholfen. Alles habe ich geregelt. Sogar die Fotos von unserer Reise nach Cincinnati eingeklebt. Ich verstehe alle Verhaltensweisen meiner Telefonanlage und kann nachvollziehen, was sich jährlich an den Vertragsbedingungen meiner Krankenversicherung ändert. Mich befriedigt, wenn die Gallwich-Stiftung monatlich Geld von meinem Konto einzieht, um die Not in Ostafrika zu lindern, und ich dachte, den Gipfel meiner Zufriedenheit zu erreichen, wenn ich nun auch noch das Testament unterschreibe. Aber gerade das passiert nicht!

Volkmar:                      Du hast es ja noch nicht unterschrieben!

Emanuel:                      Mir ist klar geworden: In meinem Leben fehlt etwas.

Volkmar:                      Deine Gehirnbotenstoffe haben sich verirrt, und du hast dich verliebt!

Emanuel:                      Würde hier eine Frau hereinpassen? – Moment! (Er geht in die Küche und bringt eine kleine Schüssel mit Weingummi.)

Volkmar:                      Emanuel!

Emanuel:                      Englischer Weingummi! Probier vor allem die Grünen.

Volkmar:                      Also, jetzt sag schon endlich: Was fehlt dir? Ein Hund, der alles erben soll? Kauf dir einen Hund, aber lass ihn aus dem Testament!

Emanuel:                      Das Praktische fehlt! Das eigene Tun!

Volkmar:                      Die Menschen in Ostafrika brauchen dich!

Emanuel:                      Der Mensch ist trotz aller Zufälligkeit ein soziales Wesen!

Volkmar:                      Mit deinem Geld wird viel Gutes getan!

Emanuel:                      Aber eben nur mit meinem Geld! Ich will es selber tun!

Volkmar:                      Man kann nicht einfach nach Ostafrika gehen! Gallwich verbietet das! Er hält solche Vermischungen für kontraproduktiv!

Emanuel:                      Ich will es hier tun!

Volkmar:                     Hier?

Emanuel:                      Ganz genau: Hier!

Volkmar:                     In Großwaldenheim?

Emanuel:                      Hier in diesem Haus!

Volkmar:                      Und was willst du tun - wenn man fragen darf?

Emanuel:                      Ein ungelegtes Ei! Ich muss dich jetzt bitten zu gehen. Um vier bekomme ich Besuch. Die Freundin meines verstorbenen Bruders. Eine dumme Haftpflicht-Angelegenheit.

Volkmar:                     Wegen der Hasenbüste, die runtergeworfen wurde?

Emanuel:                      Eine Unachtsamkeit. – Los, nimm die restlichen Weingummi mit.

Volkmar:                     Aber, du denkst daran, dass Gallwich nächste Woche im Blauen Ochsen predigt. Wir brauchen dich!

Emanuel:                      Ja, natürlich! Ich bleibe doch Mitglied!

Volkmar:                      Einschließlich Einzugsermächtigung.

Emanuel:                      Falls ich das Geld nicht irgendwann anderweitig brauche.

Volkmar:                      Spiel bloß nicht verrückt! Ich komme morgen oder übermorgen, wenn die Plakate fertig sind.

Emanuel:                      Ja, gerne.

Volkmar:                      Irgendjemand muss Gallwich vom Flughafen abholen.

Emanuel:                      Wir kriegen das hin.

Volkmar:                       Also dann …

Emanuel drängt Volkmar aus der Tür und verschwindet mit ihm. Kurz darauf kommt er mit einem Tablett zurück. Darauf sind zwei Design-Tassen sowie zwei Teller mit Pasteten. Er deckt auf.

Es läutet. Er geht nach draußen, führt Pauline herein. Sie ist etwa 35, zierlich und zurückhaltend.

Pauline:                        Du hast ein bisschen umgestellt.

Emanuel:                      Ja, ein bisschen. Du warst seitdem nicht mehr hier.

Pauline:                        Und die Fotos von Simon sind weg.

Emanuel:                      Es waren großartige Bilder, aber man muss auch mal was verändern.

       
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