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Winterwärme

Eine lyrische Komödie in einem Aufzug
von Rolf Stemmle

Personen:
Adam Buchbinder
Herr Waldmann
Frau Kirsch
Herr Haase

Ort und Zeit:
Büro von Herrn Buchbinder
Januar 2005

Informationen zur Produktion des Theater Regensburg hier...

Aufführungsrechte beim Plausus-Verlag
Manuskript zu bestellen unter
www.plausus.de

       
 

Der Regensburger Autor schafft mit "Winterwärme" seinen ersten Schritt auf eine "städtische Bühne" und hat auf Anhieb gut Tritt gefasst. Liebevoll erzählt er die Geschichte eines Mannes, den es graust vor der großen weiten Welt. (...) "Lyrische Komödie" nennt Rolf Stemmle seinen Einakter. "Wintermärchen" wäre nicht verkehrt, denn wer im heutigen Wirtschaftsleben weg rationalisiert wird, hat nichts mehr zu lachen - und schon gar nicht einen Nachfolger. Aber eben das macht den Charme der "Winterwärme": Zwar ist ständig Bedrohung fühlbar, aber die Typen agieren und reagieren so herrlich schräg, dass alles möglich scheint. (...) Geglückt ist dem Team ein Balance-Akt zwischen grauem Arbeitsalltag und liebenswerter Traumtänzerei. (Mittelbayerische Zeitung)

Mit der mit "Winterwärme" betitelten Komödie ist Stemmle ein Wurf gelungen, der zu fesseln vermag, weil er einen gut durchdachten Spannungsbogen aufweist und raffinierte Details beinhaltet, welche dem Theaterbesucher die psychologischen Tiefen des Stückes - und die sind in der Tat vorhanden - nach und nach auf originelle Art erschließen. (...) Die empfehlenswerte Produktion fand im ausverkauften Haus beim Publikum zurecht großen Anklang. (Donau-Post)

       
 

Das Büro von Adam Buchbinder ist in einem abgelegenen Gartenhäuschen untergebracht. Nur Frau Kirsch, die Putzfrau, weiß von seiner Existenz. Jeden Dienstag und Freitag kommt sie vorbei, und dienstags hat sie auch Zeit für ein Tässchen Wildkirschtee mit Zimtstange. Als der Chef Herr Waldmann einen Computer anliefert, gerät er in den Strudel dieses skurrilen Idylls. Mit dem EDV-Fachmann eskaliert die Stimmung und ein unglaublicher Irrtum fliegt auf.
Eine heiter-melancholische Charakterkomödie!

       
 

Textprobe

Das Büro von Herrn Adam Buchbinder ist ein alter, karger Raum. Links ist eine Türe, an der Publikumsseite (also fiktiv) ein Fenster.

Die Einrichtung ist dürftig und hässlich. Kein Möbel passt zum anderen, alles wirkt improvisiert und zusammengewürfelt.

In der Mitte steht Buchbinders Schreibtisch. Es ist kein Schreibtisch, sondern nur ein gewöhnlicher Wirtshaustisch. Auf ihm befindet sich eine Rechenmaschine älterer Bauart, eine Schreibunterlage, ein Schächtelchen mit Schreibutensilien, ein Bilderrahmen und ein altmodisches Telefon, das allerdings so gut wie nie benutzt wird, weshalb Buchbinder Bleistifte, Füllfederhalter, Buntstifte usw. in die Löcher der Wählscheibe gesteckt hat.

An der rechten Wand hat Buchbinder auf einem Tischchen eine kleine Teeküche mit allen nötigen Requisiten eingerichtet: Tassen, Kanne, Teedosen, Löffelchen, Zucker, eine Dose mit Plätzchen, eine Kerze usw. sowie eine Kaffeemaschine.

Ansonsten befindet sich noch ein Kleiderständer im Raum, der links bei der Türe steht, außerdem ein weiterer Tisch mit zwei Stühlen in der Ecke vorne links. Ein kleiner Holzofen vorne rechts überheizt den Raum.

Überall findet man Aktenordner, Mappen und auffallend viele Telefonbücher. Jedes Teil hat seinen exakten, logischen Platz, alles wirkt daher ordentlich.

Trotz der Kargheit ist es hier auf eine unerklärliche Weise gemütlich. Vielleicht liegt es am warmen Licht, das eine längst unmodern gewordene Lampe an diesem trüben Tag verbreitet, vielleicht liegt es an der Hitze, die der kleine Ofen ausstrahlt, vielleicht liegt es auch an Adam Buchbinder selbst, der mit ungeheuerer Ruhe seiner Arbeit nachgeht.

Adam Buchbinder ist ein älterer Mann, gepflegt, aber doch von etwas derber Gemütlichkeit. Er wirkt phlegmatisch, geduldig und ausgeglichen - was jedoch nur auf den ersten Blick stimmt. Er hat etwas Sympathisches, Humorvolles, Vertrauenswürdiges.

Er ist gerade dabei, vielstellige Zahlen aus einer Tabelle mit Hilfe der Rechenmaschine zu addieren. Vor dem Tisch hat sich der Additionsstreifen bereits zu einem mächtigen Berg aufgetürmt. Buchbinder tippt mit äußerster Ruhe seine Zahlen ein, murmelt dabei leise vor sich hin, lässt sich schließlich das Ergebnis ausdrucken und schreibt es in die Tabelle.

Buchbinder:                 7.869.523.402.

Dabei bricht der Bleistift ab. Er spitzt den Stift. Der Bilderrahmen fällt um. Buchbinder küsst die Fotographie sanft und stellt den Rahmen wieder auf. Schließlich schreibt er die Zahl zuende.

Buchbinder:                 ...402.

Er merkt, dass die Additionsrolle nahezu verbraucht ist. Er begutachtet den Rest, schätzt, misst mit Hilfe eines Lineals, beschließt, die Rolle zu wechseln. Er lässt das restliche Papier herausfahren, steht auf, geht um den Tisch herum, nimmt das Ende des Streifens und spannt den Streifen umgekehrt in die Maschine.

Buchbinder:                  21 1/2 ab (Er sieht in einem Telefonbuch nach.) Spalte 4.321. März, Johannes. (Er holt einen Schnellhefter und schreibt hinein.) 14. Januar 1986, Spalte 4.321, März, Johannes.

Plötzlich stößt jemand mit dem Fuß gegen die Tür. Buchbinder erschrickt. Er schaut auf die Uhr, dann auf den Kalender. Er ist ratlos.

Das Geräusch wiederholt sich.

Er verräumt rasch Schnellhefter und Telefonbuch, als hätte er etwas Verbotenes getan.

Buchbinder:                 Ja? Bitte?!

Langsam öffnet sich die Türe. Herr Waldmann, einen großen, schweren Karton schleppend, arbeitet sich in den Raum. Wegen des Kartons hat er keine Hand frei, wegen der Hitze laufen seine Brillengläser an. Unbeholfen steht er da und weiß sich im Augenblick nicht zu helfen.

Waldmann ist ein großer, schlanker Mann. Er ist da, um zu repräsentieren, Aktivität und Weltoffenheit zu symbolisieren. Er gibt sich verbissen Mühe, seine Rolle zu spielen, in Wirklichkeit jedoch ist er nervös, schweigsam, ungesellig und pessimistisch.

Waldmann:                  Guten Tag.

Buchbinder:                 Grüß Gott.

Waldmann versucht, Buchbinder zu sehen.

Buchbinder mustert Waldmann.

Waldmann blickt über den Brillenrand: Sind Sie Herr Adam Buchbinder?

Buchbinder:                 Ja, scho.

Waldmann:                  Das ist gut.

Buchbinder:                 Kann i Eahrna vielleicht irgend was helfen?

Waldmann:                  Sie könnten mir die Kiste abnehmen.

Buchbinder:                 Die Kiste? Was is denn da drin?

Waldmann:                  Ein Computer.

Buchbinder erschrickt: A Computer? I könnt Eahrna ja aa die Brille abnehmen.

Waldmann:                  Bitte.

Buchbinder nimmt Waldmann die Brille ab.

Waldmann:                   Vielen Dank. (Er orientiert sich und stellt den Karton auf den Tisch vorne links. Er nimmt seine Brille wieder an sich und beginnt, sie zu putzen.) Es ist ja auch kein Wunder, dass hier die Brille anläuft. Draußen hat es minus 17 Grad. Und hier wahrscheinlich um die 25.

Buchbinder:                 28.

Waldmann misstrauisch: Nicht schlecht.

Buchbinder:                 Ja, draußen is's saukalt heit. An eisigen Januar hamma heier.

Waldmann ist immer noch mit seiner Brille beschäftigt.

Pause.

Buchbinder vorsichtig: Wer san denn eigentlich Sie?

Waldmann:                  Oh, entschuldigen Sie! Ich bin Herr Waldmann.

Buchbinder:                 Waldmann? Hab i glaub i scho mal ghört.

Waldmann ärgerlich: Schön. Ich bin nämlich Ihr Chef.

Buchbinder erschrickt: Mei Chef? (Vorsichtig lächelnd.) I hab dacht, dös wär da Herr Herzog.

Waldmann:                  Nein, der ist vor vier Jahren in den Ruhestand.

Buchbinder:                  Sowas.

Waldmann:                   Sie scheinen hier ja nichts von dem mitzukriegen, was bei der Humanitas so passiert.

Buchbinder:                 Naja, also...

Waldmann:                   Ich muss ja zugeben, dass ich von Ihnen da herüber auch nichts weiß.

Buchbinder erleichtert: Aha, Sie wissen nix.

Waldmann:                  Sie sind mir ja auch fachlich nicht direkt unterstellt, nicht wahr?

Buchbinder:                 Ja, richtig. Jaja.

Waldmann:                   Dies ist die Stelle für besondere Aufgaben, nicht?

Buchbinder:                  Jaja.

Waldmann:                   Komisch, im Hauptgebäude wusste niemand von der Existenz dieser Stelle. Ihr Büro liegt ja auch wirklich sehr abgelegen.

Buchbinder taut etwas auf: Direkt im Obstgarten.

Der Bilderrahmen fällt um.

Waldmann:                  Was ist fragen wollte... (Bemerkt, dass Buchbinder nicht zuhört.)

Buchbinder küsst die Fotographie und stellt den Rahmen wieder auf.

Waldmann hat Buchbinder erstaunt beobachtet, dann: Was ich fragen wollte: Ich habe Ihnen einen Computer mitgebracht. Sie werden ihn für Ihre Arbeit sicher gebrauchen können.

Buchbinder:                  An Computer? I? Naja... Wieso?

Waldmann:                   Die Top-Future hat geglaubt, ein gutes Werk tun zu müssen, und hat der Humanitas fünf Personal-Computer gestiftet.

Buchbinder:                 Als ob Computer einer Hilfsorganisation was helfn könnten!

Waldmann:                  Natürlich brauchen wir Computer!

Buchbinder:                 So?

Waldmann:                   Das ganze Hauptgebäude ist voller Computer! Wozu brauchen wir dann noch fünf Personal-Computer? Den ganzen gestrigen Tag laufe ich schon wegen den blöden Computern herum. Und heute wieder...

Buchbinder lacht, weil er erkennt, dass die Situation harmloser ist, als er befürchtet hatte.

Waldmann:                  Hätten sie uns Geld gegeben, so hätten wir unsere Station in Rio unterstützen können.

Buchbinder schlitzohrig: Und die braucha koan Computer?!

Waldmann:                  Ach!

Buchbinder:                 Und etz soll ich ihn nehmen.

Waldmann:                  Sie sind ja auch der Einzige, der noch keinen hat.

Buchbinder:                 D'Frau Kirsch hat aa no koan.

Waldmann:                  Frau Kirsch?

Buchbinder:                 Die Putzfrau.

Waldmann:                  Lassen Sie Ihre Witze!

Buchbinder:                  Die können'S glei fragn. Jeden Dienstag und Freitag kommt's bei mir vorbei und putzt. In einer halben Stund is's da.

Waldmann:                   Schluss jetzt! Herr Geiger von der Indien-Abteilung hat einen genommen, Frau Unger von der Notstandsküche, Frau Naumann von der Altkleiderstelle und Herr Hatzl von der Rentner-Stelle. Und Sie werden den fünften nehmen! Irgend eine Verwendung werden Sie ja wohl für ihn haben. Und wenn er nur diese Rechenmaschine ersetzt!

Der Bilderrahmen fällt um.

Buchbinder:                  Entschuldigung.

Er küsst die Fotographie und stellt den Rahmen wieder auf.

Waldmann, irritiert:   Ich darf annehmen, dass Sie sich mit Computern nicht auskennen.

Buchbinder:                 Da hamm'S recht.

Waldmann:                   Die Top-Future hat uns für einen Tag einen Software-Spezialisten zur Verfügung gestellt, der ein paar Programme installiert und bei der Anwendung berät. Er ist momentan in der Notstandsküche. Ich werde ihn jetzt bitten, anschließend zu Ihnen zu kommen. (Deutet auf die Stifte, die in der Wählscheibe stecken.) Könnten Sie das Telefon freimachen?

Buchbinder verlegen:   Oh, ja, freilich. I woaß gar net, obs no funktioniert. I hab erst einmal damit telefoniert. 1965. Aber da hat keiner abghobn.

Waldmann:                  Aha. (Er wählt.) Es funktioniert.

Buchbinder:                 Sowas.

Waldmann am Telefon: Ja, hier ist Waldmann. Ist Herr Haase noch bei Ihnen? - Ja? Danke. - Hier ist Waldmann. Der fünfte PC steht jetzt in der "Stelle für besondere Aufgaben". Das ist auf der anderen Seite des Parkplatzes. Das kleine Haus im Obstgarten. (Zu Buchbinder.) Wird es eine komplizierte Anwendung?

Buchbinder vorsichtig: Eigentlich hauptsächlich Additionen.

Waldmann am Telefon: Additionen. Aber sehr kompliziert. - gut, ja. - Was? Ich muss noch unterschreiben? Ach, kommen Sie doch nachher in mein Büro! - Dauert es wirklich nicht lange? - Gut, ich warte. - Zehn Minuten. - (Verärgert.) Danke. Ja. Danke. (Legt auf.) So ein Idiot! Er hat vergessen, mich auf der Empfangsbestätigung unterschreiben zu lassen. Jetzt kann ich warten, bis er kommt.

Buchbinder kommt dies sehr ungelegen: So? Sie wolln dableibn!?

Waldmann:                   Ich werde sie nicht bei der Arbeit stören. Ich muss eben nur unterschreiben, und dann bin ich schon wieder fort.

Buchbinder erleichtert: Ah so, ja dann. Wolln'S net ablegn?

Waldmann etwas freundlicher: Es ist wahnsinnig heiß hier. (Legt ab.) Bei uns drüben spinnt die Heizung regelmäßig bei diesen Temperaturen, und es wird nie richtig warm. Über 16 Grad gehts in meinem Büro einfach nicht.

Buchbinder:                  Dös is bloß a einfacher Holzofen. Aber der heizt wia da Deifl. Etz is grad Eiche drin. Riechen'S? Guat, gell? Im alten Hauptgebäude, da warn überall Holzöfen. Da wars immer schön warm im Winter. Naja, vor 15 Jahr is's abgrissen worn.

Waldmann:                  Ich kannte das alte Gebäude gar nicht mehr.

Buchbinder:                  Net? Oben aufn Kamin warn sogar Störche. Auf diesem Heiserl is aber aa immer a Vogelnest. Glei in da Dachrinna überm Eingang. Spatzn sinds immer. Immer die gleichen. Und, schaun'S, da in dem Baum (Sie sehen aus dem Fenster.) wohnt a Oachkatzerl. Dem leg i Immer Nüß ans Fensterbrettl. Michael hab ichs tauft. I hab mal an Freund ghabt, der hat aa immer Nüss gessen, und der hat aa Michael gheissen. (Pause.) Wissen'S was? Etz machma uns an Tee. Ja?

       
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