zurück zur Komödienseite
 


Stromausfall

 Groteske in drei Aufzügen
von Rolf Stemmle 

Personen:
Elisabeth
Anton, ihr Mann
Daniel, beider Sohn
Tante Rosalinde
Steffi, eine junge Frau
Franz, ihr Halbbruder 

Ort und Zeit:
Wohnzimmer von
Elisabeth, Anton und Daniel;
Gegenwart

 

Aufführungsrechte beim Deutschen Theaterverlag
Manuskript zur Ansicht zu bestellen bei:
Deutscher Theaterverlag, 200263, 69459 Weinheim
 www.dtver.de

       
 

Familie Riedelberger ist hoffnungslos verschuldet, weil der Versuch, Sohn Daniel vorteilhaft zu verheiraten, in einem Fiasko geendet hat. Da der Anrufbeantworter eine wichtige Nachricht verliert, verrennt sich die Familie in den Glauben, Aussicht auf ein Riesenerbe zu haben. Um hinderliche, bevorrechtigte Erben aus dem Weg zu räumen, werden eiskalte Mordanschläge gestartet. Dass sich ein sehr viel einfacherer Weg auftut, können die Eltern in ihrer egoistischen Besitzgier nicht wahrnehmen: Sohn Daniel beginnt nämlich, eigenständig zu handeln.
Eine Groteske über Habgier und Irrwege!

       
 

Textprobe 

Erster Aufzug

Wohnzimmer in einem abgelegenen, älteren Einfamilienhaus. Es wird Ordnung gehalten, doch alles wirkt ziemlich herunter gekommen.

Vorne links befindet sich seine Couchgruppe, in Reichweite eine Stereoanlage; vorne rechts ein Ess­tisch mit vier Stühlen. Vor der Couchgruppe auf einem Tischchen das Telefon sowie ein Anrufbeantwor­ter.

Die rechte Bühnenwand, schräg geführt, mit Tür und großem Fenster, bildet die Begrenzung zum Vorplatz des Hauses. Im Hintergrund ein offener, breiter Torbogen zur Küche sowie links eine Tür zu den weiteren Räumen es Hauses. 

Später Nachmittag im Sommer.

Daniel lungert in der Couchecke und hört mit Kopfhörer Musik.

Das Telefon klingelt.

Daniel reagiert nicht.

Der Anrufbeantworter springt an. Nach der Begrüßungsansage, die für das Publikum nicht hörbar ist, spricht eine Frau um die fünfzig.

Paula:                           Hallihallo, meine Lieben, hier ist Paula! Ich wollte nur kurz Elisabeth über etwas informieren: Wir haben gestern von eurer Tante Rosalinde gesprochen, und über ihren verstorbenen Ehemann Douglas. Karl hat heute noch mal recherchiert. Also: Euer Onkel Douglas war kein Ahornsirup-Fabrikant! Leider! Er hat wohl nur Ahorn angebaut! - Das wollte ich nur noch loswerden. Ansonsten geht’s euch gut, hoffe ich. Bis dann! Tschüssi!

Als der Anrufbeantworter abschaltet, gibt es einen Kurzschluss, und der Strom fällt aus.

Daniel:                          So ein verdammter Bockmist!

Er nimmt den Kopfhörer ab, steigt von der Couch und betrachtet mit Händen in den Hosentaschen den Anrufbeantworter.

Anton kommt zur Haustüre herein. Er ist mit Anzug und Krawatte bekleidet und trägt einen Aktenkoffer.

Daniel:                          Hi Papa, du kommst gerade richtig! Mit dem neuen Anrufbeantworter stimmt irgend was nicht. Der Strom ist ausgefallen.

Anton:                          Aha. Rühr bloß nichts an! Hat das Telefon geklingelt, und ist er angegangen?

Daniel:                          Ja. Ich bin aber nicht ran, weil Mama gesagt hat, ich darf nicht, weil Tanja anrufen könnte.

Anton beginnt, den Anrufbeantworter und die Kabeln zu untersuchen.

Anton:                          Damit du nicht wieder weich wirst!

Daniel:                          Tanja war’s aber nicht. Irgendeine ältere Frau. Ich habe Musik gehört.

Anton klopft auf den Anrufbeantworter: Diese Kiste ist eine unglaubliche Missgeburt.

Daniel:                          Du hast doch auch das Zuführungskabel neu in die Wand gelegt.

Anton:                          Mag sein, vielleicht ist es auch das Kabel. - Ich muss mir jetzt erst mal was anderes anziehen. (Geht nach links ab.)

Daniel ruft nach draußen: Dreh die Sicherung wieder rein!

Anton:                          Ja! Gleich! - Weißt du, in Sachen Beziehungen hat Mama ein untrügerisches Ge­fühl. Schau Mama und mich an! Und wenn sie spürt, diese Tanja ist nichts für dich, dann kannst du danach gehen. Frauen haben für so was eine Antenne! Und Mütter, was ihre Söhne angeht, ganz besonders! (Kommt in Unterwäsche herein, hat eine Jeans und ein Freizeithemd mitgebracht und zieht dies beim Folgenden an.) Nur bei deiner Leonora, da hat sie sich getäuscht. Aber das haben wir schon zur Genüge ausdiskutiert. - Die Anruferin hat was aufgesprochen?

Daniel:                          Ja. Eine ganze Menge. Verstanden habe ich aber nichts, wegen der Musik.

Anton:                          Respekt. Bei Marschmusik höre ich nicht mal das Läuten.

Anton geht nochmals kurz raus und dreht die Sicherung wieder rein. Die Stereoanlage leuchtet wieder.

Anton geht zum Anrufbeantworter: Bin ja gespannt, ob das noch drauf ist. (Drückt Tasten.) Nichts. Alles gelöscht. (Vorwurfsvoll.) Hoffentlich war’s nichts Wichtiges. Vielleicht eine Ge­schäftspartnerin von Mama.

Daniel:                          Ich konnte ja nicht wissen, dass das gelöscht wird!

Anton spricht den Ansagetext neu: Hier ist der Anrufbeantworter der Familie Riedelberger. Elisabeth, Anton und Daniel Riedelberger, Antiquitätenhandel Elisabeth Riedelberger. Wir sind im Moment nicht erreichbar, bitte sprechen Sie ab jetzt. – So. (Zu Daniel.) Steh nicht so rum! Hilf mir lieber! Wir müssen die Couch nach vorne rücken.

Sie verrücken die Couch. Anton krabbelt hinter die Couch und untersucht die Wand.

Anton:                          Das werde ich am Wochenende alles aufbrechen müssen.

Daniel nickt gläubig: Am Wochenende habe ich allerdings wenig Zeit.

Anton:                          Frauen! Wieder Frauengeschichten!

Daniel:                          Mama hat mich eingespannt! Ich muss helfen, irgend so einen alten Speicher nach Madonnen und Kruzifixen durchzustöbern.

Anton:                          Womöglich hat auch das Kabel einen Fabrikationsfehler. Ich schlage vor, wir fan­gen sofort an. In zwei Stunden ist alles erledigt. (Geht links ab.)

Daniel:                          Aber es könnte ja auch am Anrufbeantworter liegen.

Anton kommt mit einer Plastikfolie: Das sehen wir dann, wenn die Stromzuführung hundertprozentig in Ordnung ist. Den Anrufbeantworter habe ich auf dem Flohmarkt erstanden, und den Händler kenne ich nicht, also kann ich auch nicht reklamieren. Und der Anrufbe­antworter ist kompliziert. Man beginnt mit dem Einfachen, weil man sich dann eventuell das Schwierige ersparen kann! Aber Nichtstun, mein Sohn, Nichtstun ist immer die schlechteste Variante!

Sie breiten die Plastikfolie über die Couchgruppe.

Anton:                          Apropos Nichtstun: Hast du dich beim Malermeister Reböck beworben? Ich finde, es wird Zeit, dass du regelmäßig was dazuverdienst und die Schulden abbauen hilfst. (Geht wieder links ab.)

Daniel:                          Mama sagt, mit solchem Kleinkram solle ich mich nicht abgeben. Mit regelmäßiger Arbeit kommt man zu nichts. Die hält mich bloß ab.

Anton kommt mit Hammer und Meißel: Ich weiß, du sollst dich für Größeres bereithalten. Aber weißt du, woran das hakt? Ihr fällt nichts Größeres ein. Und wenn, dann geht es schief.

Daniel:                          Ich weiß: Leonora.

Anton:                          Das Thema ist ausdiskutiert! Wir wissen, dass wir wohl unser Lebtag brauchen werden, um wieder auf Null zu kommen. Aber das ist ausdiskutiert! (Versöhnlich.) Naja, aber vielleicht tue ich Mama jetzt unrecht. Man darf sie in solchen Dingen nicht unterschätzen. Und wer an der Leonora-Sache Schuld hat, kann man wohl nicht so genau sagen. Immerhin hat sie dich hintergangen, und nicht Mama. Aber das ist kein Vorwurf! Die Sache ist ausdiskutiert! So, und jetzt hole ich die Leitung aus der Wand. (Er krabbelt mit Hammer und Meißel hinter die Couch.)

Ein Auto fährt in den Hof.

Daniel:                          Mama kommt!

Anton:                          Hilf ihr. Sie bringt bestimmt ein paar Kunstgegenstände.

Daniel schaut aus dem Fenster: Sie bringt Tortenstücke!

Anton lugt über die Couch: Ist die verrückt! Torte vom Konditor kostet ein Vermögen!

Elisabeth kommt herein, aufwändig gekleidet. Sie trägt eine Packung mit Tortenstücken.

Elisabeth:                     Was macht ihr denn? (Legt die Tüte auf den Esstisch.)

Anton:                          An der Leitung muss was defekt sein. Oder am neuen Anrufbeantworter.

Daniel:                          Wir hatten Stromausfall.

Elisabeth:                     Die Reparaturarbeiten müssen wir verschieben. Wir bekommen in einer halben Stunde Besuch.

Anton kommt hervor: Besuch? Wer denn?

Elisabeth:                     Vorher müssen wir noch die Strategie besprechen. (Zu Anton.) Zieh dir ein bisschen was Besseres an! Dann werde ich alles erklären.

Anton:                          Den Sparkassen-Anzug?

Elisabeth:                     Nein, dein gelbes Freizeithemd.

Daniel:                         Und ich?

Elisabeth:                     Du kannst so bleiben. Es schadet nichts, wenn wir uns etwas leger geben. Aber räum das Auto aus und bring die Sachen ins Lager! Aber pass auf, dass du nicht an­schlägst. Jedes Einzelne kostet ein Vermögen.

Anton hat die Couch zurück geschoben und die Folie abgenommen. Dann geht er links ab.

Daniel geht zum Auto.

Elisabeth beginnt, eilig für Kaffee und Kuchen herzurichten. Sie nimmt in der Küche die Kaffeemaschine in Betrieb, deckt auf etc.

Daniel trägt eine Marienfigur durch das Zimmer.

Elisabeth:                     Gibt’s was Neues?

Daniel:                          Nö.

Elisabeth:                     Hat Tanja angerufen?

Daniel:                          Ich bin nicht ans Telefon.

Elisabeth:                     Handy?

Daniel:                         Sie hat meine Handynummer nicht.

Elisabeth:                     Gut! Du bist klug und vernünftig!

Daniel zuckt die Schultern und geht links ab.

Das Telefon klingelt. Elisabeth geht sofort ran.

Elisabeth am Telefon, sehr freundlich: Ah! Ja, hallo! - Nein, tut mir leid!

Daniel erscheint in der Tür und lauscht.

Elisabeth:                     Ich weiß jetzt gar nicht genau wo er steckt. Ich war zwei Tage auf einer Messe in München, darum habe ich im Moment keinen Überblick. Aber ich glaube, er wollte mit (betont.) seiner Freundin ein paar Tage wegfahren. - Ja, ich sage ihm, dass Sie angerufen haben. Und er ruft dann zurück. - Danke. (Legt auf. Sie sieht Daniel an und bedeutet ihm, dass sie ermessen kann, wie schwer es ist, vernünftig zu sein.)

Daniel verzieht sauer das Gesicht und geht zum Auto.

       
  zurück zur Komödienseite