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Siegfried
und das klügere Geschlecht

 Eine Komödie in vier Bildern
von Rolf Stemmle

Personen:
Siegfried
Sibylle, eine Freundin aus früheren Tagen
Markus, deren Freund
Hannelore, eine Ex-Freundin Siegfrieds
Anja, eine junge Frau
Haiko, ein Freund Siegfrieds

Ort und Zeit:
Ein Straßencafe, bei Heiko und Siegfried, bei Sibylle;
Gegenwart 

Aufführungsrechte beim Ostfriesischen Theaterverlag
Manuskript zu bestellen unter
www.ostfriesischer-theaterverlag.de

       
 

Seit einer verheerenden Diskussion bei einem Abendessen mit seiner Angebeteten Sibylle und deren neunmalklugem Freund hält sich Siegfried für unqualifiziert. Einmal mehr bricht sein Problem auf, als er Anja anmacht und diese sich als sehr gebildet erweist. Seine Ex-Freundin und Hobby-Psychologin Hannelore weiß Rat: Er muss noch einmal den Kampf aufnehmen. Gut gerüstet verschafft er sich eine Einladung bei Sibylle. Diese hat aber inzwischen einen neuen Freund, und die Niederlage von damals droht sich zu wiederholen. Dann aber gelingt Siegfried ein Blick hinter Sibylles Kulissen…
Bitterböse Beziehungskomödie!

       
 

Textprobe 

Erstes Bild

Ein Straßencafe.

Siegfried sitzt bei einer Tasse Kaffee vor dem Cafe und schreibt ein Gedicht. Rechts, etwas abseits, steht sein Fahrrad.

Siegfried:                      Fährt der Zug durch grüne Wiesen,... (überlegt.) miesen... Krisen... fiesen... schießen... möcht ich gerne in dich... Nein. (Streicht.) Als der Zug durch Wiesen fuhr,... Spur... Kur... Hur... (Plötzlicher Einfall:) Im Zugabteil auf grünen Wiesen, möchte ich dich wild genießen. (Schreibt dies nieder.)

Während dessen kommt Anja mit dem Rad und steigt ab. Siegfried merkt auf und beobachtet sie. Er ist sehr angetan von ihr. Anja stellt das Rad ab, hängt ein Schloss daran und geht, ohne Siegfried zu beachten, davon.

Siegfried:                      Wenn der Zug auf Wiesen jagt, besteig ich dich auf meine Art.

Er notiert das, dann verfolgt er Anja, die schon in einiger Entfernung geht, mit Blicken. Plötzlich springt er auf, schiebt sein Rad nahe an Anjas Rad und zieht sein Fahrradschloss durch beide Vorderreifen. Dann setzt er sich wieder auf seinen Platz, lugt nach Anja und versucht gleichzeitig, seine Arbeit fortzuführen.

Siegfried:                      Wir haben Spaß und Fun,... wann... dann... bis wir kommen an. Wir haben Spaß und Fun, bis wir kommen an. (Schreibt, dann bemerkt er, dass Anja zurück kommt. Er wird sehr nervös.)

Anja tritt auf, will ihr Rad lossperren und bemerkt das fremde Schloss.

Anja:                             So ein verdammter Idiot! (Zu Siegfried.) Gehört Ihnen das Rad?

Siegfried versucht, überrascht zu wirken und gut zu lügen: Ist was passiert?

Anja:                            So ein verdammter Idiot hat sein Rad an meins gesperrt.

Siegried:                       Ich war auf meine Arbeit konzentriert, ich habe leider nicht aufgepasst.

Anja:                            Mist! Ich habe in zehn Minuten eine Verabredung am Dom!

Siegfried:                      Hm, das ist blöd.

Anja entschlossen:      So, und dem tu ich jetzt was an! Ich lass die Luft raus!

Siegfried im Konflikt:  Vielleicht hat er es nicht absichtlich getan?

Anja:                            Mir egal! Dem lass ich die Luft raus! (Arbeitet am hinteren Ventil.) Ich muss den Zapfen runterdrücken. Haben Sie etwas Spitzes?

Siegfried verwirrt:        Ja, ich weiß nicht...

Anja:                            Die Mine von Ihrem Kugelschreiber, die müsste gehn.

Siegfried schraubt widerwillig seinen Kugelschreiber auf und gibt Anja die Mine.

Anja:                            Danke! So, das haben wir gleich! (Die Luft pfeift.)

Siegfried:                      Haben Sie keine Angst, dass er das Gleiche tut?

Anja:                            Was?

Siegfried:                      Er könnte – wenn Sie jetzt weggehen - das Gleiche tun!

Anja:                            Das ist mein Risiko. Wenn er ein anständiger Mensch ist, akzeptiert er den Denkzettel. So!

Siegfried:                      Besser, Sie warten noch ein bisschen hier. Wollen Sie sich setzen? Der Bus zum Dom geht alle zwanzig Minuten.

Anja.                            Sehen wir den?

Siegfried nach links: Gleich da drüben ist die Haltestelle, und (nach rechts.) von dort kommt er.

Anja:                            Wird wohl das Beste sein. Sie müssen mir den Richtigen zeigen, ich fahre sonst nie mit dem Bus.

Siegfried:                      Klar, mach ich.

Anja gibt ihm die Mine: Danke für das Werkzeug.

Siegfried:                      Ich spendiere Ihnen einen Kaffee – für den Schock.

Anja:                            Das ist nett. (Setzt sich an den Tisch, holt ihr Handy hervor.) Ich muss nur kurz Bescheid sagen, damit er schon vorausgehen kann.

Siegfried bleibt sitzen, um das Gespräch zu hören.

Anja am Handy:          Ja, du, ich kann nicht los. Irgend jemand hat mein Rad eingesperrt. – Ja, ein Schloss reingehängt. – Weiß auch nicht. Ich nehme jetzt den Bus. Du musst den Kaktus alleine hinbringen, sonst schaffen wir den Termin im Gewächshaus nicht. – Mann! Ich kann ja auch nichts dafür! (Genervt.) Jetzt geh schon los! Wir treffen uns in einer halben Stunde am Dom. Ja, um halb eins. Ciao!

Siegfried:                      Ihr Freund?

Anja:                            Ja, Robert.

Siegfried:                      Mein Name ist übrigens Siegfried.

Anja:                            Okay! Ich bin Anja. – Kommt hier mal eine Bedienung?

Siegfried:                      Nein! Oh, Entschuldigung, hier ist Selbstbedienung. Kaffee?

Anja:                            Schwarz, bitte.

Siegfried:                      Ja, klar. (Eilig nach hinten ab.)

Anja schaut etwas in die Gegend, dann schnüffelt sie ins Siegfrieds Schreibsachen und liest mit wachsendem Entsetzen. Siegfried erscheint nach einiger Zeit mit einer Kaffeetasse in der Tür. Als er sieht, dass Anja sein Gedicht liest, bleibt er – zutiefst erschrocken – in Hintergrund. Anja löst sich kurz darauf von ihrer Entdeckung und tut so, als sähe sie belanglos in die Gegend. Siegfried kommt schließlich mit dem Kaffee.

Siegfried:                      Da ist der Kaffee. Schwarz.

Anja:                             Danke.

Siegfried setzt sich, hilflos: Da kommt jetzt ein Bus!

Anja im Zwiespalt:      Jetzt habe ich den Kaffee...

Siegfried:                      Ha! Ist ja sowieso der Falsche.

Anja:                             Ja, dann...

Kurze Stille.

Siegfried.                      Ich schreibe gerade ein Gedicht für einen Freund. Auftragsproduktion, mehr oder weniger.

Anja:                            Das muss ja ein entsetzlicher Mensch sein. – Entschuldige, ich... ich habe zufällig ein paar Zeilen gelesen... so von der Ferne.

Siegfried:                      Egal. Ist ja nichts passiert. Er ist wirklich ein etwas eigenartiger Mensch.

Anja:                            Wird das ein Liebesgedicht?

Siegfried:                      Im weiteren Sinne. Er steht auf erotische Begegnungen in Zugabteilen. Bei möglichst schneller Fahrt. Und einer Frau will er seine Gefühle dabei beschreiben. Und weil er von Lyrik keine Ahnung hat, erledige ich das für ihn.

Anja zweifelnd:           Und du kannst das?

Siegfried unsicher:       Ja, schon. Ich schreibe jede Menge Gedichte.

Anja:                            Und was machst du sonst so?

Siegfried großspurig:   Na ja, hauptsächlich arbeite ich in der Softwarebranche. Produktentwicklung und so. Bei einem jungen Softwarehaus.

Anja interessiert:         Aha. Bist du dort angestellt?

Siegfried, in die Enge getrieben: Nun ja, nicht so direkt. Ich bin mehr ein freier Mitarbeiter. Ich entwickle Systemlösungen; genau die Lösungen, die sie in der Firma brauchen. Und ich bekomme eben dann Geld dafür, also auf Honorarbasis. Außerdem, ehrlich gesagt, will ich mich nicht so fest binden...

Anja:                            Ah ja!

Siegfried:                      Ja, eben; ich habe natürlich auch noch anderweitige Ideen, die ich nicht aus den Augen verlieren möchte. So was Ähnliches wie eine Erfindung. Man muss systematisch darauf zuarbeiten.

Anja:                            Und was? Wenn man fragen darf.

Siegfried:                      Ja, das ist so eine Sache. Das ist im Moment noch so wie mit einem genialen Zaubertrick: Man darf ihn nicht verraten, weil sich sonst seine Wirkung völlig verflüchtigt. - Aber jetzt genug von mir: Erzähl von dir! Du hast was mit Kakteen zu tun.

Anja lacht:                    Du hast gelauscht!

Siegfried:                      Und du hast in meinen Sachen geschnüffelt!

Anja:                            Ja, okay! (Verschmitzt.) Ich habe natürlich auch ein paar Geheimnisse.

Siegfried:                      Das ist gemein. Ich habe dir ja nichts mutwillig verheimlicht. Meine Idee ist bloß nicht spruchreif!

Anja:                            Also gut: Ich bin Gärtnerin!

Siegfried:                      Kakteen-Gärtnerin.

Anja:                            Ja, kann man so sagen. Ich züchte Kakteen und verkaufe sie.

Siegfried:                      Und du lieferst sie ins Haus.

Anja:                            Ja, auch das.

Siegfried:                      Könnte ich mir beispielsweise von dir einen Kaktus liefern lassen...?

Anja:                            Aha, so ist das! Na ja, warum nicht?

Siegfried mutig:            Und lieferst du ihn allein, oder kommt dein Freund mit?

Anja:                             Kundenwünsche werden bei Sympathie berücksichtigt.

Siegfried verwirrt, zieht dann eine Visitenkarte: Aha. Ja, also hier ist meine Adresse und meine Telefonnummer.

Anja:                            Du scheinst ja sehr begierig auf meine Kakteen zu sein.

Siegfried:                      Na ja, es könnte ja jeden Moment der Bus kommen. Also, ich könnte natürlich auch ohne deine Kakteen weiterleben, aber vielleicht würde mir ja was entgehen.

Anja:                            Ja, da hast du recht! Das ist ein Argument!

Siegfried:                      Nicht, dass du mich für zwanghaft hältst. Ich lebe gut ohne... ohne Kakteen. Ich habe meinen Beruf, meine Musik...

Anja:                            Ah, du machst Musik?

Siegfried:                      Weniger machen. Ich beschäftige mich damit. Ich bin – ohne Übertreibung – ein Jazz-Experte.

Anja:                            Jazz gefällt mir auch. Bessy Smith zum Beispiel finde ich toll.

Siegfried blüht auf:       Ja, wobei Bessy Smith ja eigentlich eher Blues gemacht hat. Man muss da fein unterscheiden. Der Blues ist ja eine Vorform des Jazz. Geht zurück auf etwa 1850, tiefste Sklavenzeit. Da waren das Sologesänge von Sklaven, Anklagen gegen die Weißen. Aber ohne Tragik. Die haben das sehr beeindruckend geschafft, ihre starken Wut-Empfindungen in Musik zu fassen. Echt beeindruckend. Einer der ersten Bluessänger von Bedeutung war übrigens Rabbit Brown. New Orleans, Anfang Neuzehnhundert. Da hatte sich der Blues schon als eigene Form etabliert. Die gute alte Bessy Smith war dann schon erheblich später. 1922 wurde sie entdeckt, hat dann fast zweihundert Titel aufgenommen, beim Label Columbia, und eine ganze Menge Geld gemacht. Aber den Erfolg hat sie nicht verkraftet, ist dem Alkohol verfallen, ihre Songs wurden immer dürftiger und die Texte zotiger. 1937 ist sie dann bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Tragische Geschichte. Blues finde ich auch ganz gut, aber, wie gesagt, kein Jazz im engeren Sinne. Einige bedeutende Musikwissenschaftler haben ihn als Rückgrat des Jazz bezeichnet. Denen würde ich mich durchaus anschließen. Auch mit dem Ragtime ist das so eine Sache. Der ist ja eigentlich eine Musik, die Jazz-Elemente aufgreift – also die Charakteristika der Sklavenmusik – und sie in eine eher weiß und klassisch geprägte Form bringt. Ausdruck dessen ist, dass er in Notenschrift festgehalten wurde. Er blieb daher eher eine Sache der Weißen. Nein, nein, so richtig begann der Jazz dann erst in der Folgezeit, als der Ragtime schon wieder uninteressant wurde. Die Zeit des „Archaischen Jazz“ nennt man das. Ein Sammelsurium von verschiedenen Richtungen, vornehmlich im Norden der Vereinigten Staaten. Das war ebenfalls so um Neunzehnhundert. Das verlagerte sich kurz darauf in den Süden, New Orleans wäre da zu nennen.

Anja hat eine Zeitlang aufmerksam zugehört. Allmählich empfindet sie den Monolog aber als überzogen und versuchte einzugreifen, findet aber keinen passenden Augenblick.

Siegfried:                      Warum ausgerechnet New Orleans? wirst du dich fragen! Dort gab es viele Musikkapellen des französischen Militärs. Und die haben die Schwarzen dazu inspiriert, vorwiegend kreolische Schwarze, Bands aufzumachen. Mit billig gekauften Militärinstrumenten und Eigenkreationen – Waschbrettern und so – haben sie dann ihre Hochzeiten, Gottesdienste und Beerdigungen selbst umrahmt. Natürlich kommt noch der Mississippi dazu. Es entstanden Schiffskapellen, und der Mississippi sorgte dafür, dass sich die Stile und Ideen rasch verbreiteten. Ach, wer fällt mir da ein? Sidney Becket, Freddie Keppard, Papa und Louis deLisle Nelson...

Für Anja ist jetzt, da er Namen zusammensucht, die Gelegenheit günstig.

Anja:                            Woher weißt du das alles?

Siegfried merkt, dass er das Maß verloren hat: Ja, nun, es interessiert mich eben. Und ich merke mir spielend jede Kleinigkeit – so sehr bin ich interessiert daran.

Anja:                             Das ist ja beeindruckend!

Siegfried wächst:          Findest du?

Anja:                            Ja, da tu ich mich mit meinem Kakteen-Wissen sehr viel schwerer.

Siegfried:                      Ach, das glaube ich nicht.

Anja:                            Übrigens: Was für seine Sorte willst du denn haben?

Siegfried:                      Ja, du hast recht, das müssen wir noch besprechen. Entschuldige, dass ich vorhin so viel über Jazz geredet habe...

Anja.                            Nein, war schon in Ordnung.

Siegfried:                      Wirklich?

Anja:                            Ja, wenn ich es sage.

Siegfried.                      Also gut. Nun, also, ich hatte mal einen, der hatte so gut wie keine Stacheln, aber dafür war er mit so einer Art Watte überzogen.

Anja:                            Seine Blüte war gelb!

Siegfried:                      Ja, genau. Wurde ziemlich groß, ging mir dann aber kaputt.

Anja:                             Wahrscheinlich zu wenig Sonne und zu viel Wasser.

Siegfried:                      Ja, mag sein.

Anja:                             Das war dann die Bischofsmütze. „Astrophytum myriostigma“.

Siegfried bekommt einen Schweißausbruch: Wie?

Anja:                            Astrophytum myriostigma. Kann ich liefern.

Siegfried:                      Du weißt den lateinischen Namen?

Anja:                            Da ist doch selbstverständlich.

Siegfried.                      Selbstverständlich!?

Anja:                            Na ja, schon.

Siegfried rasch:            Also gut, ich hätte gerne einen solchen. (Fühlt sich beengt, will ausbrechen.) Aber nur, wenn es wirklich keine Umstände macht.

Anja verwundert:         Nein, nein, es macht keine Umstände. Ich glaube, ich habe ein wunderschönes Exemplar.

Siegfried sieht nach rechts: Hei schau, da kommt jetzt dein Bus!

Anja:                             Okay, der Fahrradschloss-Idiot ist nicht aufgetaucht. Ich muss dann wohl los. (Steht auf.)

Siegfried:                      Ja.

Anja:                             Danke für den Kaffee. Und ich melde mich.

Siegfried.                      Ja, ist in Ordnung.

Anja sehr lieb:              Ciao!

Siegfried mit gemischten Gefühlen: Ciao!

Anja geht links ab.

Siegfried beobachtet, wie sie in den Bus steigt, und beruhigt sich dabei.

Siegfried schadenfroh: Pech! Diesmal war‘s der Falsche. Geschieht dir recht! Lateinische Namen! Arrogantes Huhn!

Er schraubt den Kugelschreiber auf, nimmt die Mine heraus und geht auf Anjas Fahrrad zu. Gemäßigte Gefühle kehren zurück.

Siegfried:                      Ich bin ein anständiger Mensch! Im Grunde genommen.

In Gedanken verstrickt, montiert er die Mine wieder in den Kugelschreiber, räumt sein Schreibzeug zusammen, kettet die Fahrräder los. Da keine Luftpumpe vorhanden ist, schiebt er sein Fahrrad mit plattem Hinterreifen davon.

       
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