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Eine Schönheit für den König

 Eine bayrische Komödie in drei Akten
von Rolf Stemmle

Personen:

König Ludwig I. von Bayern
Joseph Stieler, Hofmaler
Genoveva, Schankkellnerin
Elias, ihr Bruder
Anselm Spitzlbeck, Bildhauer und Lehrer
Fasslerwirtin (Josepha)
Jakob Brunner, Wirt vom Schafsbräu
Veronika Vogel, Caféhausbetreiberin
Ein Kammerdiener

Ort und Zeit:

Gaststube im Wirtshaus „Zum goldenen Fass“
in einer bayrischen Kleinstadt;
um das Jahr 1835

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

In dem bayerischen Städtchen Hirschmühl verursacht der regierenden König Ludwig I. Konfusion. Die Wirtsleute streiten über den Standort einer Statue, die der König aus mysteriösen Gründen in Auftrag gegeben hat, weil sie sich von der Attraktion Vorteile versprechen. Als Hofmaler Stieler dem König die Wirtin Veronika für die berühmte Schönheitsgalerie vorschlägt, eskalieren die Vorgänge. Der hintertriebene Kellner Elias nämlich hat sich in Veronika verliebt und fürchtet, dass sich der König beim anstehenden Besuch ein Techtelmechtel gönnen könnte. Mit einer List will er dem König den Spaß verderben.
Eine bayerische Komödie für alle Sinne!

       
 

Textprobe  

Erster Akt

Gaststube im Wirtshaus „Zum goldenen Fass“.

An der Seite der Ausschank mit Durchreiche und Tür zur Küche, im Hintergrund eine Treppe zu den Gästekammern.
Das Haus ist gut geführt, alles ist sauber und ordentlich.
Es regnet draußen, die Gaststube ist leer.
Nach einer Weile kommen Joseph Stieler und Anselm Spitzlbeck herein. Spitzlbeck trägt das Gipsmodell einer Skulptur, das allerdings mit einem großen Tuch verhüllt ist. Stieler hat eine Schreibmappe dabei.
Stieler ist über 50, ruhig und gesetzt; Spitzlbeck um die 40, er ist unsicher und desillusioniert.

Stieler:                          Kommen Sie herein, mein lieber Spitzlbeck. Passen Sie auf, dass Sie nicht anschlagen.

Spitzlbeck:                   Jaja, danke, es geht schon. Der Regen ist fürchterlich. So plötzlich.

Er stellt das Modell auf einen Tisch.

Stieler:                          Das ist nur ein Schauer, der hört gleich wieder auf. Im Himmel droben putzen die Engel die Wolken.

Spitzlbeck:                   Und das Putzwasser ist für die Menschen der segensreiche Regen.

Stieler:                          Das ist nun mal so, mein lieber Spitzlbeck. Die Knochen, die von einem hohen Tisch fallen, sind für die Unteren der Festbraten. Schauen Sie nicht so traurig drein, lieber Spitzlbeck, es läuft doch alles gut für Sie.

Spitzlbeck:                   Naja, wie man`s nimmt.

Stieler:                          Setzen wir uns. Ich lad Sie ein auf ein Bier.

Spitzlbeck:                   Gerne, ja.

Stieler ruft:                   Wirtschaft!

Die Wirtin kommt aus der Küche. Sie zündet eine Kerze am Tisch an.

Fasslerwirtin:               Ja? Ah, der Herr Hofmaler. Wieder zurück? Grüß Gott, Herr Lehrer.

Spitzlbeck:                   Grüßi Fasslerwirtin.

Fasslerwirtin mit Bezug auf das Modell: Haben Sie wieder was Neues gemacht?

Stieler:                          Das ist das Modell einer Skulptur.

Fasslerwirtin:               Eine Skulptur? Lassen Ihnen Ihre Schüler noch Zeit für die Bildhauerei?

Spitzlbeck fühlt sich unwohl: So ein künstlerischer Drang muss hinaus, egal wie viele Schulhefte zu korrigieren sind. Aber ich...

Fasslerwirtin:               Und ist zwengs Ihrem Modell sogar da Herr Hofmaler aus Minga angereist?

Spitzlbeck windet sich: Also, ich...

Stieler:                          Ich porträtiere zurzeit eine junge Dame aus der Gegend, und da hat mich Seine Majestät gebeten, auf der Durchreise diesem netten Städtchen einen Besuch abzustatten.

Fasslerwirtin:               Ist ja schön. Da braucht sich da Herr Lehrer doch nicht schämen.

Spitzlbeck:                   Es ist mir eben etwas unangenehm.

Stieler:                          Mein lieber Spitzlbeck, was zieren Sie sich denn so? Irgendwann wird die Sache in Ihrem Hirschmühl sowieso bekannt.

Spitzlbeck erschrickt:         Die Sache?

Stieler:                          Naja, das Aufstellen Ihrer Skulptur.

Spitzlbeck erleichtert: Achso.

Fasslerwirtin zu Stieler: Die Geschichte ist ihm irgendwie zwider. Naja, dann lassen wir ihm seine Ruh. Wenn er was trunken hat, dann taut er schon auf. Zwei Bier?

Stieler:                          Ja, bitte.

Fasslerwirtin:               Kommt sofort.

Sie geht zur Schänke, zapft zwei Biere.

Stieler:                          Ich räume in Kürze meine Stube.

Fasslerwirtin:               Jederzeit, Herr Hofmaler, jederzeit. Dös kriegen wir schon. Ich bin grad bloß ein bisserl beansprucht, weil der Knecht zum Einkaufen gefahren ist, und die Schankkellnerin hat zur Poststation müssen. Aber dös kriegen wir schon. (Bringt die Biere.) So, bitte.

Stieler:                          Ich sag Ihnen dann bescheid, wenn ich abreise.

Fasslerwirtin:               Geht in Ordnung, Herr Hofmaler, geht in Ordnung. (Ab.)

Spitzlbeck:                   Es tut mir wirklich sehr leid, vorhin, Herr Stieler, aber Sie müssen verstehen, dass die ganze Angelegenheit nicht so leicht ist für mich.

Stieler:                          Jaja. – Zum Wohl, lieber Spitzlbeck. Auf Seine Majestät!

Spitzlbeck:                   Auf Seine Majestät!

Sie trinken.

Spitzlbeck sehr vertraulich: Ich gehe davon aus, die Hintergründe dieses „königlichen Auftrages“ sind Ihnen bekannt.

Stieler:                          Sie dürfen versichert sein, ich bin Diskretion gewöhnt. Ich genieße bei Hof nicht nur einen vorzüglichen Ruf als Maler, sondern auch als Vertrauter Seiner Majestät.

Spitzlbeck:                   Hab ich mir schon gedacht.

Stieler:                          Mein Beruf führt mich gewissermaßen zwangsläufig in die Nähe von Vorfällen, die der Diskretion bedürfen.

Spitzlbeck:                   Sie dürfen meine gemäßigte Gemütslage nicht falsch verstehen, Herr Stieler. Ich bin ein sehr königstreuer Mensch, das bayrische Königreich ist mir heilig! Ich bin natürlich auch sehr glücklich darüber, dass mir Seine Majestät diesen sehr ehrenwerten Auftrag erteilt hat. Und dass sie auch die Bezahlung übernimmt.

Stieler:                          Danken Sie Gott, dass unser geliebtes Bayern von diesem König regiert wird. Er liebt die Kunst über alles und gibt stattliche Geldsummen dafür aus. Halb München will er umbauen, bei Regensburg will er einen Ruhmestempel errichten, die Walhalla.

Spitzlbeck:                   Jaja.

Stieler:                          Mein lieber Spitzlbeck, Sie bringen das ja täglich Ihren Schülern bei: das ist die gottgewollte Ordnung. Ganz oben sitzt der liebe Gott, ein bisschen darunter der Papst, dann kommen Kaiser und Könige, und wir da herunten dürfen uns glücklich schätzen, wenn gelegentlich ein Knochen vom Tisch fällt. Und der ist dann ein Festmahl für uns.

Spitzlbeck:                   Jaja, so sehe ich das ja auch...

Stieler:                          Auch wenn`s manchmal weh tut! Und eins dürfen Sie nicht vergessen: Es gibt Könige, die werfen unliebsamen Personen keine Knochen zu, die schicken sonst wen.

Spitzlbeck greift sich an den Hals: Aber wir sind doch nicht mehr im Mittelalter.

Stieler:                          Aber die Ordnung ist im Prinzip noch die gleiche!

Spitzlbeck:                   Hab schon verstanden.

Stieler:                          Seine Majestät ist ein sehr gütiger Mensch. Er liebt Ihre Kunst, und eben auch das schöne Geschlecht. Und er liebt unser Bayern! Auf sein Wohl!

Spitzlbeck:                   Auf sein Wohl!

Sie trinken.

Stieler:                          Nun, lieber Spitzlbeck, wo soll Ihre wundervolle Skulptur denn hinkommen?

Spitzlbeck:                   Also mir gefiele die Grasfläche in der Parkanlage sehr gut. Da könnte man einen kleinen Weg zuführen.

Stieler:                          Und bei der Andreaskirche? Oder am Marktplatz? Würde sich gut in die Architektur fügen.

Spitzlbeck:                   Ich weiß nicht.

Stieler:                          Wir machen jetzt Folgendes: Wir schreiben alle Standorte, die wir besichtigt haben, untereinander und notieren die Vor- und Nachteile dazu. (Zieht ein leeres Blatt aus der Mappe.) Entscheiden wird, das sage ich Ihnen gleich, letztlich Seine Majestät!

Spitzlbeck:                   Kommt er hierher?

Stieler:                          Oder er entscheidet nach Aktenlage, auf Grund meiner Empfehlung.

Spitzlbeck:                   Jaja, verstehe schon.

Sie beschäftigen sich mit der Liste.

Durch die Eingangstür kommt Veronika mit Regenschirm. Sie ist jung und hübsch und ist sich ihrer angenehmen Erscheinung bewusst. Als engagierte Geschäftsfrau hat sie aber nur selten Zeit, ihre Attribute hervor zu heben.

Anselm Spitzlbeck grüßt sie als guten Bekannten, Joseph Stieler mustert sie mit höflicher Distanz.

Veronika:                      Grüß Gott, Herr Lehrer. Grüß Gott.

Spitzlbeck:                   Grüßi Gott.

Stieler merkt auf:        Grüß Gott.

Veronika:                      Ist denn die Fasslerwirtin nicht da? Oder die Genoveva?

Spitzlbeck:                   Die Fasslerwirtin war gerade da.

Veronika ruft:              Fasslerwirtin!

Fasslerwirtin von draußen: Ich komm gleich!

Veronika:                      Ja, ich wart.

Sie beobachtet die Herren.

 

       
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