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Die Story vom tapferen Schneider

Eine Komödie für Klein und Groß
frei nach den Gebrüdern Grimm
von Rolf Stemmle

Personen:
 

höchstpersönlich:
König Wenzislaus II. von Ödanien
Königin Waltraute
Isabella, Prinzessin
Kilian, ein junger Schneider

Mitglieder des Bellastella-Milchstraßen-Theaters stellen dar:
König Wenzislaus II. von Ödanien
Waltraute, Königin
Meisenschlag, ein fahrender Sänger
Falkenherz, ein fahrender Sänger
Kilians Mutter
Gräfin Adelaide
Dienstpersonal
Bewohner von Ödanien, die auch kleine Rollen übernehmen

außerdem die:
Intergalaktischen Sternenglitter-Musikanten

Ort und Zeit:
Freilichttheater auf dem Stern Bellastella;
in märchenhafter Vergangenheit

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

In dieser Komödie für Klein und Groß wird die „Story vom tapferen Schneider“ von hinten aufgezäumt. Der Schneider gewinnt die geliebte Prinzessin Isabella nicht, indem er Prüfungen besteht, nein, er lässt sich von einem Freund „aufbauen“, so dass die königlichen Eltern glauben, der Schneider Kilian sei ein gewitzter Kerl. Natürlich ist auch der Riese, den er besiegt haben will, eine Erfindung. Mit seinem Lügengebäude gerät er aber in die Abhängigkeit seines Freundes, des Sängers und Geschichtenerzählers Meisenschlag. Die Geschichte wächst ihm schließlich über den Kopf.
Ein munteres Spiel übers Verliebtsein und Angeben.

       
 

Textprobe  

Freilichttheater auf dem Stern Bellastella

Der Bühnenraum wird von phantasievollen Ornamenten bestimmt, welche die Lebenswelt der Bewohner von Bellastella charakterisieren. Auf der Spielfläche sind die verschiedenen Schauplätze des nachfolgenden Stückes angedeutet. Im Hintergrund, aber an zentralem Ort, steht die Rakete Antonia.

Am Rand der Bühne eine Combo.

Isabella und Kilian treten vor das Publikum.

Isabella:                        Liebe Bewohner des Sternes Bellastella!

Kilian:                           Liebe Bewohnerinnen des Sternes Bellastella!

Isabella:                        Seid herzlich willkommen zu unserer Theateraufführung! Toll, dass ihr gekommen seid!

Kilian:                           Möglich macht diese Aufführung das Ensemble des Bellastella-Milchstraßen-Theaters, das mit uns dieses Stück einstudiert hat. In nur zwei Tagen! Außerdem natürlich die Intergalaktischen-Sternenglitter-Musikanten!

Die Combo spielt einen Tusch.

Isabella:                        Wir spielen also die Geschichte von Kilian dem Schneider und mir, der Prinzessin Isabella von Ödanien.

Kilian:                           Ihr erfahrt darin, warum wir zu euch heraufgeflüchtet sind.

Isabella:                        Als erste Menschen seit dem Besuch des genialen Erfinders Leonardo da Vinci.

Kilian:                           Euer Stern ist wirklich phänomenal!

Isabella:                        Wir bedanken uns mit dieser Aufführung für euere Gastfreundschaft, und dass wir hier eine Weile bleiben können, bis Kilian und ich auf der Erde (mit Vorwurf gegen Kilian) ohne falschen Freunde leben können.

Kilian:                           Vielleicht werde ich ja doch noch König von Ödanien!

Isabella:                        Ich werde also die Erde mit meinem Fernrohr weiter beobachten.

Kilian:                           Weil wir auch wissen wollen, wie es meiner lieben Mutter geht.

Isabella:                        Und meinen Eltern. König Wenzislaus II. von Ödanien und Königin Waltraute.

Kilian:                           Die Schauspieler stehen in den Startlöchern.

Isabella:                        Wir beginnen also mit der Szene, als wir uns kennen gelernt haben, als ich mit einem nagelneuen Flugobjekt in den Garten von Kilian gestürzt bin.

Kilian:                           Davor spiele ich noch eine kleine Szene mit meiner lieben Mutter. Meine liebe Mutter wird gespielt von der großartigen Schauspielerin des Bellastella-Milchstraßen-Theaters: Pinaletti.

Frau Pinaletti tritt auf, setzt sich in die angedeutete Schneiderei und beginnt, an einem Sofakissen zu häkeln.

Isabella zieht sich bis zu ihrem Auftritt an den Rand zurück. Kilian geht in die Schneiderei. Er bindet sich einen Gürtel um. Darauf steht: „Sieben auf einen Streich!“

Kilian:                           Ich hatte das vergangene halbe Jahr bei meinem Onkel, dem Schneider Eusebius verbracht. Ich sollte dort meine Kenntnisse verbessern, denn meine liebe Mutter ist schon etwas alt, und ich soll bald die Schneiderei übernehmen. Bei meinem Onkel Eusebius habe ich mir diesen Gürtel genäht. Wieso, das erzähle ich gleich in der Szene.

Sie arbeiten eine Weile. Die Mutter hat den Gürtel noch nicht bemerkt.

Kilian:                           Gibt es eigentlich was Neues?

Mutter:                         Was soll es Neues geben?

Kilian:                           Bei Onkel Eusebius gab es jeden Tag was Neues. Zum Beispiel im großen Wirtshaus, da gab es Bälle und Theateraufführungen. Und am Dorfplatz gastierte ein Zirkus. Und es gab ein Pferderennen; und als der Bürgermeister Geburtstag hatte, wurde ein riesiges Feuerwerk abgebrannt.

Mutter.                         Unser Bürgermeister hatte auch Geburtstag, und er hat beim Wirt ein Fass Bier spendiert!

Kilian:                           Na, toll!

Mutter:                         Und die Schusterin hat ein Mädchen zur Welt gebracht. Aber der Mesner ist gestorben.

Kilian:                           Und was ist aus Maria geworden?

Mutter:                         Welche Maria?

Kilian:                           Die Tochter des Kaufmanns. Die so gut Trompete spielen kann.

Mutter:                         Mädchen dürfen in Ödanien keine Trompete spielen!

Kilian:                           Hat sie aufgehört damit?

Mutter:                         Nein, der Trotzkopf ist weggegangen.

Kilian traurig:             Achso.

Pause.

Mutter:                         Das Sofakissen für die Königin ist fertig. – Du hast ja schon wieder diesen dummen Gürtel an!

Kilian:                           Er gefällt mir!

Mutter:                         Hast du bei Onkel Eusebius solche Faxen gelernt?! Tu ihn runter! Du hast keine sieben auf einen Streich erschlagen!

Kilian:                           Eben schon!

Mutter:                         Ja, Stubenfliegen! Aber das schreibt man doch nicht auf einen Gürtel!

Kilian:                           Ich schon!

Mutter:                         Weil du ein kleiner Angeber geworden bist! Ein Möchtegern! Tu ihn runter!

Kilian folgt widerwillig. Er hängt ihn an die Wand.

Mutter:                         Ich liefere jetzt das Sofakissen auf Schloss. Dass wir Hoflieferanten sind, hast du deinem Vater zu verdanken – Gott hab ihn selig! Und warum? Weil er stets ein ehrsamer und bescheidener Untertan gewesen ist!

Kilian:                           Heutzutage kommt man mit so was nicht weit!

Mutter:                         Wo Onkel Eusebius wohnt, vielleicht! Hier in Ödanien gehen die Uhren anders!

Sie geht ab.

Kilian:                           Ohje! Wäre ich doch bei meinem Onkel geblieben! Sogar Maria ist weg! Die hat so wunderschöne, helle Augen! (Er dichtet und singt vor sich hin.)

Maria, du hast schöne Augen,

die mir wirklich äußerst taugen!

Und du hast auch schönes Haar!

Trallali und trallala.

Warum bist du nur verschwunden?

Hast dich nicht mit mir verbunden?

Warum bist du nicht mehr da?

Trallali und trallolo-oh-oh!

Deine Augen, deine Augen…

Isabella stürzt mit ihrem Flugobjekt zu Boden.

Kilian erschrickt und schlägt ein Kreuz: Großer Gott!

Isabella:                        Au! Verdammte Kiste!

Kilian rennt in den Garten, er ist völlig überfordert.

Isabella:                        Hilfe!

Kilian arbeitet sich zu ihr vor: Ist Euch was passiert?

Isabella:                        Zieh mich da raus! Au!

Kilian:                           Gebt mir die Hände!

Isabella:                        Die tun verdammt weh! Ich hab sie mir verbrannt!

Kilian:                           Was soll ich dann tun?

Isabella:                        Na los, umfass meinen Oberkörper und zieh mich raus!

Kilian:                           Den Oberkörper umfassen?! Moment! (Rennt hilflos umher.) Mutter! Bist du zurück? Ich dachte, meine Mutter sei zurück.

Isabella:                        Na los! Worauf wartest du?

Kilian für sich:             Den Oberkörper umfassen! (Zu Isabella.) Ja, also, wenn Ihr es unbedingt wollt...

Isabella:                        Stell dich nicht so an!

Kilian umfasst Isabella vorsichtig und zieht sie aus dem Wrack.

Kilian:                           Puh! Das wäre geschafft!

Er hält sie weiter umschlungen und bleibt bei ihr am Boden sitzen.

Isabella:                        Du kannst mich jetzt loslassen - wenn’s dir nichts ausmacht!

Kilian:                           Oh ja, natürlich.

Er nimmt seine Arme weg, sie bleibt an ihn gelehnt. Kurze Stille. Isabella betrachtet ihre Hände.

Isabella:                        Ziemlich schmerzhaft!

Kilian:                           Das tut mir wirklich Leid - für Euch und Euere Hände.

Isabella:                        Ich bin Prinzessin Isabella.

Kilian:                           Hab ich mir schon gedacht. Ich bin Kilian. Der Schneider Kilian.

Isabella:                        Ich könnte Euere, also - deine Hände auch einsalben und verbinden, gnädig… huldreiche… Prinzessin Isabella.

Isabella:                        Sag einfach Isabella zu mir!

Kilian:                           Gern! Isabella! Mutter hat eine wahnsinnig tolle Salbe.

Sie stehen auf und gehen in die Schneiderwerkstatt.

Isabella:                        Wieso hast du dir gedacht, dass ich die Prinzessin bin?

Kilian:                           Weil du die Einzige bist, die in Ödanien durch die Gegend fliegt.

Isabella:                        Aha!

Kilian:                           Hab ich gehört!

Isabella:                        Hast du gehört! Wohl auch, dass ich ziemlich verrückt bin!

Kilian:                           So deutlich hat das niemand formuliert!

Isabella:                        Aber meinen tun das die Leute! Weißt du, dass der Koch seine Frau schlägt und ein Verhältnis mit der Wäscherin hat? Das ganze Dorf weiß es, aber alle sehen weg, weil der Koch mit dem Pfarrer gut befreundet ist. Und der Besitzer vom Sägewerk betrügt seine Arbeiter bei jeder Lohnabrechnung, und sonntags darf er die Lesung halten. Wer ist jetzt mehr verrückt? Die Leute oder ich?

Kilian:                           Beruhig dich doch! Ich finde deine… deine Außergewöhnlichkeit hat was Außergewöhnliches… Sozusagen. - Ich hab dich auch schon mal gesehen. Vor einem guten Jahr habe ich mal eine neue Hose für deinen Vater aufs Schloss gebracht. Und da haben wir uns am Brunnen gegrüßt.

Isabella:                        Das war vor der Kapelle!

Kilian:                           Auf dem Platz zwischen Brunnen und Kapelle.

Isabella:                        Aber näher bei der Kapelle!

Kilian:                           Man darf einer Prinzessin nicht widersprechen, habe ich gelernt.

Isabella:                        Mir schon – wenn man tatsächlich Recht hat.

Kilian salbt ihre Hände. Es entsteht plötzlich eine stille Vertrautheit.

Isabella:                        Du hast sehr sanfte Finger.

Kilian:                           Ich habe ein feines Handwerk. Und du hast wunderschöne Hände.

Isabella:                        Da ist eine Narbe!

Kilian:                           Die ist auch sehr schön. (Pause. Er verbindet ihre Hände.) Ich habe ebenfalls eine Narbe.

Isabella:                        Wo?

Kilian:                           Da, an der großen Zeh! (Zeigt sie.) Da bin ich in eine Scherbe getreten. Ich habe noch eine, aber die zeige ich dir jetzt nicht!

Sie lachen.

Isabella:                        Lebst du hier allein mit deiner Mutter?

Kilian:                           Ja, mein Vater ist schon viele Jahre tot. Meine liebe Mutter führt seither das Geschäft, und ich werde es bald übernehmen, weil die Augen meiner lieben Mutter schon nachlassen. Weil sie oft daneben sticht, häkelt und strickt sie nur noch.

Sie schweigen.

Isabella:                        Die Situation vorhin mit meiner Rakete war ziemlich gefährlich. Aber ich hatte beim Abstürzen zwei Gärten zur Auswahl. Den Garten vom Hufschmied Walter und deinen. Ich habe mich für deinen entschieden!

Kilian:                           Für meinen? Alle Mädchen laufen dem Walter nach - normalerweise. Puh! - Willst du eine Tasse Tee?

Isabella:                        Gerne.

Kilian geht zum Ofen.

Isabella bemerkt den Gürtel.

Isabella:                        Und was ist das? „Sieben auf einen Streich?“

Kilian:                           Ja, die hab ich erschlagen. Sieben! Auf einen Streich!

Isabella:                        Auf einen Streich?

Kilian:                           Ja, war ganz einfach.

Isabella:                        Was für sieben?

Kilian:                           Sie hatten sich auf mein Brot mit Pflaumenmus gesetzt. Und da habe ich zugeschlagen! Zack! Und tot waren sie! Alle sieben! Auf einen Streich!

Isabella:                        Fliegen?

Kilian:                           Ja.

Isabella:                        Gewöhnliche Stubenfliegen?

Kilian:                           Ja.

Isabella:                        Und deshalb machst du dir einen solchen Gürtel?

Kilian:                           Dort, wo mein Onkel wohnt, fanden das die Leute toll!

Isabella:                        Die Mädchen!

Kilian:                           Auch…

Isabella:                        Findest du nicht, dass das ganz schön angeberisch ist? Du kannst doch mehr, als sieben Fliegen erschlagen?!

Kilian:                           Jaja, das ganz bestimmt!

Isabella:                        Na also. Der Gürtel ist Hufschmied-Walter-Niveau!

Kilian verbrennt sich die Hände am Wasserkessel: Au! Verflixt! Oh, tut das weh!

Isabella beginnt, seine Hände einzusalben und zu verbinden. Wegen ihrer eigenen Verletzung ist dies jedoch ziemlich schwierig.

Kilian:                           Also versprochen! Ich trage ihn nie wieder!

Isabella:                        Ich mag keine Männer, die so einfältig sind wie der Hufschmied! - Er glaubt, der Mond sei aus Käse.

       
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