Der Mensch im Tier
Kostproben zum Lesen und Anschauen
© by Verlag Rolf Stemmle
 
 
   

Die Schicksalsfrage

In knapp drei Jahren hat ein Dromedar
die Wüste einmal quer durchschritten.
Ihm ist seit seiner langen Reise klar,
wie unterschiedlich sind die Sitten.

In einer Stadt mit vielen hundert Türmen
trug es besonders kurze Hosen;
sogleich begann die Menge wild zu stürmen -
der Fremde wurde ausgestoßen.

In einer andren Stadt, nicht weit daneben,
blieb solch ein dummer Trubel aus.
Es konnte sich problemlos beinfrei geben
und kam sogar ganz groß heraus.

Ob dich Erfolg begleitet deine Tage
liegt nicht allein an deinen Taten.
Bestimmend ist zumeist die Schicksalsfrage:
An welchen Ort bist du geraten?

       
       
 

Desillusionierung

Am Montag fällt ein Elefant
in einen tiefen Urwaldweiher;
am Dienstag kommt, wer ihn gekannt,
zur Elefanten-Trauerfeier.

Am Mittwoch meinen seine Schwestern,
dass er sein Heim verkommen ließ;
am Donnerstag hört man schon lästern,
wie falsch er einst Trompete blies.

Am Freitag haben seine Erben
den letzten Heller aufgebraucht;
am Samstag nach dem Scheinbar-Sterben,
da ist er wieder aufgetaucht.

Am Sonntag dann, im Partymief,
erzählt man munter die Stationen.
Der Elefant fällt nochmals tief,
doch dieses Mal in Depressionen.

 

Überraschung

Ein Frosch saß auf dem Brunnenrand,
der Schlossfassade abgewandt,
als die Prinzessin näher kam
und zärtlich seine Froschhand nahm.

„Dich, Frosch“, so sprach die Süße leis,
„muss ich jetzt küssen wild und heiß,
denn täuscht mich nicht die ganze Welt,
steckt in dir drin ein großer Held!“

Der Kuss geschah, und gleich darauf
schoss eine hohe Flamme auf:
Der Frosch stand stolz als Elch im Hof,
die Maid - als Fröschin - glotzte doof.

An neuer Lebensweisheit reich
sprang traurig sie zum Gartenteich.
Egal wie man es ausgeheckt,
die Spannung bleibt, was drinnen steckt.

       
       
 

Waage des Lebens

Ein Hase läuft wie wild, besessen:
Er hat die Hochzeit fast verschlafen -
und nun auch noch den Weg vergessen.
Wofür will ihn das Leben strafen?

Ganz knapp erreicht er noch die Feier!
Der Schein des Morgens hat getrogen:
Die Braut grinst herzlich aus dem Schleier –
das Schicksal ist im treu gewogen.
 

 

Nichts ist unmöglich

Zwei gut gebaute Regenwürmer
in sportlich-eleganten Dressen
bestreiten heut als Mittelstürmer
ein Fußballspiel im Großraum Essen.

In einem Saal nicht weit daneben
hat gestern eine junge Mücke
ein klassisches Konzert gegeben –
sie spielte wilde Cello-Stücke.

Und in dem Zelt am Uferstreifen
tanzt eine Kuh auf einem Seile,
jongliert gewandt mit sieben Reifen
und steht am Kopfe eine Weile.

Ein Nilpferd, das all dies erlebte,
gesteht sich ein - nach langem Grübeln -
dass das, wonach es bislang strebte,
nur Inhalt war von Futterkübeln.

Man muss sich große Ziele setzen!
Das Nilpferd, bislang zu gediegen,
will sich nicht länger unterschätzen -
und den Atlantik überfliegen!

 

Die gute alte Zeit

Vor ungeheuer vielen Jahren
geriet ein Saurier in das Eis.
Als diese dann vorüber waren,
gab ihn der Gletscher wieder preis.

„Oh wär’ ich noch in alten Zeiten“,
so denkt er nun im Zoo mit Graus.
Man sollte diesen Satz bestreiten –
denn schließlich starb er damals aus.

 

       
       
       
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