zurück zur Komödienseite
 

Megatop Spinat

 Eine Tragikomödie
von Rolf Stemmle

Personen:
Henriette
Sonja, ihre jüngere Schwester
Joschi, Bekannter Sonjas
Magnus, Fremdenverkehrsdirektor
Thea, Hausangestellte

Ort und Zeit:
Villa von Henriette,
Gegenwart

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

Zwischen den Geschwistern Henriette und Valentin tobt ein unausgesprochener Kampf um den Stellenwert. Während Henriette erfolgreich, aber innerlich erkaltet das geerbte Familienunternehmen führt, scheitert Valentin mit all seinen Geschäftsideen. Nun will er einen aberwitzigen Rekord aufstellen, um ins Guinness-Buch zu kommen. Sonja, das jüngste Geschwister, bummelt durch die Welt und wird auf einem Zwischenstopp in der Heimat in den Konflikt hinein gezogen. Nur allmählich merkt sie, welche Katastrophe sich anbahnt!
Eine Tragikomödie über den Wahn, Bedeutung zu erlangen!

       
 

Textprobe  

Wohnbereich in Henriettes Villa.

Ein hoher, sonnendurchfluteter Raum mit breiter Glasfront. Man blickt in einen Garten mit üppiger Pflanzenwelt. Von diesem Raum aus gelangt man in den Eingangsbereich sowie in die innenliegenden Zimmer: Küche, Bad, Zimmer von Henriette und Sonja. Die Inneneinrichtung besteht aus einer extravaganten Couchgarnitur, einer Essecke usw. An einer Wand hängen u. a. ein abstraktes Gemälde sowie Fotos der verstorbenen Eltern.

Ein zerschlissener, speckiger Rucksack, der an einer abseitigen Wand lehnt, fällt als unpassend auf.

Thea kommt von draußen. Sie bringt eine Einkaufstasche voll Spinatpflanzen sowie eine Tüte mit Frühstückssemmeln und die Tageszeitung. Sie beginnt, für zwei Personen den Frühstückstisch zu decken. Währenddessen lustvolle Schreie von Henriette aus deren Zimmer. Thea reagiert nicht darauf.

Nach einiger Zeit kommt Magnus im Bademantel aus dem Zimmer. Er entspannt sich. Thea deckt unberührt weiter auf.

Magnus:                      Die Parkplatzsituation in Heising, Thea, die Parkplatzsituation verschlechtert sich von Tag zu Tag. Gestern musste ich dreimal um die Fitness-Insel. Ich werde mit dem Bürgermeister reden, dringend. Er muss etwas verändern. Überall, wo man hinkommt, ist schon wer. Überall. – Wie geht es dir?

Thea:                            Normal.

Magnus:                      Du klingst schon wieder so elegisch! Schau, mir hat gestern eine große Firma abgesagt. Sie wollte hier in Heising eine Konferenz abhalten, Hotelbelegungen, Touristikprogramm. Aber nein, irgendeine andere Gemeinde hat günstigere Voraussetzungen. Negativerlebnis. Bin ich deshalb ein Düsterling? – Dabei riechst du so gut.

Thea:                            Das bildest du dir ein.

Magnus:                      Nein, nein. Du riechst nach der Sonnenterrasse in St. Moritz, oder dem Strand von Miami. - Sie riecht nach altem Öl. - Und du schreist leise und zärtlich. - Mit dir werde ich noch einige Mühe haben, das merke ich schon! Aber freu dich nicht zu früh, ich geb es nicht auf! Ich mach aus dir ein Glas Prosecco, pass nur auf! Du Düsterling! Du bist ein ungeheurer Düsterling!

Thea:                            Ich muss gleich zu Valentin.

Magnus:                      Wem gehört der Rucksack da?

Thea:                            Heute Nacht ist die Schwester von Frau Zoller angekommen.

Magnus:                      Sonja?

Thea:                            Mit Begleitung.

Magnus:                      Ah ja. Wird schon wieder so was sein.

Thea:                            Herr Kiesewetter hat vorhin angerufen. Frau Zoller soll zurückrufen.

Magnus:                      Ist der Kaffee zubereitet?

Thea geht in die Küche.

Magnus legt eine CD ein, der langsame Satz aus Mozarts 21. Klavierkonzert erklingt, idyllische Stimmung entsteht. Dann öffnet er die Terrassentüre und geht in den Garten.

Magnus:                      Unglaublich, wie warm das heute ist! Das wird der wärmste 3. Mai seit Menschengedenken, hat der Wetterbericht gesagt.

Er verlässt den einsehbaren Bereich des Gartens.

Thea kommt aus der Küche, serviert den Kaffee.

Magnus aus dem Garten: Liebe Tiere sind das! An der Liebe zu Tier und Natur zeigt sich die wahre Herzensbildung des Menschen. Sie haben ein ausgeglichenes Wesen. Den Vergleich mit ihnen fürchten manche Leute!

Er kommt mit einem Meerschweinchen.

Magnus:                      Du musst Kraftfutter nachfüllen. Grünzeug alleine ist auf die Dauer zu wenig – das ist uns ja hinlänglich bekannt! Brav, Röschen. Eine ganz Liebe bist du.

Thea will mit einer großen Sporttasche das Haus verlassen.

Thea:                            Alles ist da. Kaffee auch.

Magnus:                      Mach ihm Mut! Er schafft das! - Du bist bald zurück?

Will sie küssen, Thea entzieht sich und geht.

Magnus:                      Wir sehen uns nachher.

Magnus bringt das Meerschweinchen zurück. Setzt sich dann an den Tisch, schenkt sich Kaffee ein, singt zur Musik, blättert in der Zeitung.

Magnus:                      Heute Beerdigung. (Schüttelt angewidert den Kopf.) Naja.

Henriette kommt im Morgenmantel aus ihrem Zimmer. Sie hat einen kleinen Aktenordner dabei.

Magnus:                      Oh, mein kleiner Vulkan. - Du musst zugeben, ich bin mein Geld wert!

Henriette:                     Wir haben schon viel Zeit verloren.

Sie schaltet den CD-Player aus.

Magnus:                      Lass doch, das ist wundervoller Mozart!

Henriette:                     Schau dir mal die Liste durch, ob ich für heute was vergessen habe.

Magnus:                      Jetzt setz dich erst mal her und frühstücke in Ruhe. Du hast einen langen Tag vor dir, du brauchst eine gute Grundlage.

Henriette:                     Schau dir die Liste an!

Magnus:                      Alles zu seiner Zeit! Erstmal nimmst du diese Semmel. Und hier ist Multivitamin-Marmelade.

Henriette:                     Die Semmel ist vom Fließband.

Magnus:                      Das ist nun mal so, da kann der Bäcker nichts dafür. Sie schmeckt vorzüglich.

Henriette:                     Sie ist billig produziert. Als ob ich mir nichts Besseres leisten könnte!

Magnus:                      Es gibt nur diese! – Du bist heute unausstehlich, Henriettchen! Freue dich, du wirst heute unter deinen Gästen glänzen wie eine Glitzerkugel.

Henriette:                     Ist Sonja gekommen? Ich habe etwas gehört.

Magnus:                      Ja. Sie wird dich nicht stören.

Henriette:                     Sie hat bei den Jubiläumsfeierlichkeiten nichts zu suchen!

Magnus:                      Das wird sie genauso sehen.

Henriette:                     Und der Rucksack?

Magnus:                      Sie soll in Begleitung sein, hat Thea gesagt.

Henriette:                     Wer?

Magnus:                      Ich weiß es nicht. Du hast erzählt, beim letzten Besuch habe sie von einem Anatol geschwärmt. Vielleicht bekommt man den ja mal zu Gesicht.

Henriette:                     Der wird kaum mit einem solchen Rucksack unterwegs sein. Dann würde ein Rolls-Royce in der Einfahrt stehen. Angeblich soll ihm halb Weißrussland gehören. Zumindest behauptet das Sonja.

Magnus lächelt mitleidig: Naja, Sonja.

Henriette:                     Er soll mit Informationen über Einkaufsvorteile handeln. Vielleicht eine gute Businessidee.

Magnus:                      Seit sie von hier weg ist, geht es steil mit ihr bergab.

Henriette:                     Ich hoffe immer noch, dass sie irgendwann kapiert, worauf es ankommt.

Magnus:                      Dazu müsste sie hier bei uns blieben.

Henriette:                     Schau dir jetzt die Liste an! Ich muss in einer halben Stunde hinüber in die Firma.

Magnus blättert im Ordner.

Henriette:                     Das Erste ist die Gästeliste für das Diner. – Ich werde dir nachher noch mein Kleid vorführen. Du musst dir dafür noch Zeit nehmen!

Magnus:                      Jaja, ich habe erst später einen Termin beim Bürgermeister. Zeig es mir, ich bin begierig darauf. (Studiert die Liste.)  Dr. Herbert Toger mit Gattin von der Fleischerinnung. Dr. Hans Roser, Amtstierarzt mit Begleitung. Jalli Masambo, Konservendosenfabrikant aus Namibia, na ja…

Henriette:                     Was „Naja“?

Magnus lenkt ab:      Oh, ich habe vergessen auszurichten, dass du…

Joschi, nur sehr behelfsmäßig bekleidet, kommt aus einem Zimmer. Er ist überrascht, auf Menschen zu treffen.

Joschi:                          Entschuldigung, ich wollte nur…

Henriette:                     Guten Morgen!

Joschi:                          Ja, guten Morgen. Ich bin Joschi. Joschi Wolf. Ich wollte nur kurz…

Henriette:                     Das Bad? Da gehen Sie hier durch und dann…

Joschi:                          Ich war schon mal…

Henriette:                     Bitte. Fühlen Sie sich wie zuhause.

Joschi:                          Ja, danke. (Ab.)

Magnus:                      Wie tief ist unsere liebe Sonja gesunken!

Henriette:                     Am frühen Morgen würde niemand einen Schönheitswettbewerb gewinnen.

Magnus:                      Naja… Ich wollte dir sagen, dass dich Herr Kiesewetter bereits sucht. Du sollst zurückrufen.

Henriette:                     Gib mir das Telefon!

Magnus reicht ihr das schnurlose Telefon. Er blättert weiter im Aktenordner.

Henriette am Telefon: Was ist denn so dringend? – Ich habe nie angeordnet... (Hört eine Weile zu.) Rufen Sie an, wenn Sie was Neues wissen. Ich kümmere mich darum. Ich komme in einer halben Stunde vorbei. (Beendet das Telefonat.)

Magnus:                      Was ist passiert?

Henriette:                     Einer unserer Viehtransporter wurde von der Polizei gestoppt.

Magnus:                      Er war zu lange unterwegs!

Henriette:                     Neunzehn, durchgehend.

Magnus:                      Das ist gar nicht schön. Sauen?

Henriette:                     Sechsundneunzig. Und achtzehn tot.

Magnus:                      Wieso macht ihr so was?

 

       
  zurück zur Komödienseite