Lyrik - Allerlei
weitere Tier-Gedichte und Gelegenheitsgedichte
© by Rolf Stemmle
       

Die neue Nachbarin

 

Beim Einzug in ihr Panzerhaus

fand eine Kröte schnell heraus,

dass sie im Völlig-Dunklen saß,

weil sie die Fenster schlicht vergaß.

 

Doch hilflos war die Kröte nicht!

Mit einem Korb fing sie das Licht

und brachte es in das Quartier –

natürlich blieb es dunkel hier.

 

Den Nachbarn hat das Spaß gebracht,

sie haben hell und laut gelacht.

Und selbst dem Letzten war nun klar,

dass sie `ne Schilda-Kröte war.

 

Der Mehlwurm am Valentinstag

 

Ein Mehlwurm sprach: „Mein Herz kann nicht mehr warten!

Am heut’gen Tag des Valentin

muss ich mit meinem Liebesglück nun starten!“ –

Und nahm Beruhigungsmedizin.

 

Weil er der Liebsten etwas bringen wollte,

kroch er auf eine Blumenwies’.

Die Medizin war besser, als sie sollte,

weshalb ihn dort die Kraft verließ.

 

Die Liebste, auf dem Weg zum Schrebergarten,

erblickte unsren Mehlwurm-Mann.

Sie spendete in Sorge ihren Atem –

und beider Liebesglück begann.

 

 

 

 

 

 

Ferienstimmung

 

Zum Abschluss einer Urlaubsreise -

der Herbst zeigt sich schon kühl und leise -

besucht ein Adler Regensburg,

wo einst ein Ahn geboren wurd’,

besichtigt Plätze mit Kultur

und ein Museum für Natur;

zuletzt, bei einer Reichssaalführung,

kommt er mit vielem in Berührung,

was er am Arbeitsplatz schon hörte,

ihm aber niemand dort erklärte -

denn oft erfährt, wer unentbehrlich,

das Wichtige nur äußerst spärlich.

 

Er wäre gerne noch geblieben,

doch von der Pflicht wird er getrieben –

es enden, was er gar nicht mag,

die Ferien im Bundestag.

 

 

Der Störenfried

 

Ein Waller döst am Donaugrund,

er fühlt sich wohl und ist gesund.

Es schmerzen weder seine Gräten

noch braucht er strenge Fischdiäten.

 

Vor seiner Nase turnt ein Barsch

nach einem Donauwellenmarsch.

Verbissen und mit Leidenschaft

trainiert er seine Flossenkraft.

 

Dann spricht der Barsch provokativ

zum Waller – dick und inaktiv:

„Ich sollte dir ein Beispiel sein!“

Der Waller gähnt nur: „Nein, ach, nein!“

 

Doch plötzlich, hier ein Muskelschmerz

und dort ein Druck im Wallerherz.

Er denkt, als auch die Seite sticht:

„Gesund bin ich wohl wirklich nicht!

 

 

Einladung ins Grüne

 

Sicher ist ein Wunder mir geschehen!

Mittendrin im Blütenmeer

sitze ich am Gartentisch; es wehen

Düfte, zuckerleicht und schwer.

 

Kathi, eine unerfüllte Liebe,

hat das Schicksal mir gebracht.

Eben, in der U-Bahn, im Geschiebe,

stand sie da und hat gelacht.

 

In mir regte sich der alte Faden!

Glück läst gerne auf sich warten!

Ja, sie hat mich sofort eingeladen,

in ihr Herz, in diesen Garten.

 

Jetzt bereitet Kathi in der Küche

Kaffee, schneidet Erdbeersahne.

Blumendüfte, Appetitgerüche –

still genieße ich und ahne.

 

Plötzlich denk ich: „Das wird heute spät!“

Wieder ist es mir passiert!

Ja, ich hab das Videogerät

heute früh nicht programmiert.

 

In der Abendsoap wird gleich verraten:

Lebt der todgeglaubte Sohn?

Servus Kathi! Servus Wundergarten!

Heimlich mach’ ich mich davon.

 

 

Prophezeiungen

 

Ein übles Unglück stand in ihren Händen –
das treffe sie noch dieses Lebensjahr.
Sie werde eines Tages traurig enden –
beteuerte am Telefon Mama.

 

Das Horoskop, das ihre Zukunft zeigte,
glich einem Untergangs-Szenario,
und selbst der teure Kartenleger neigte
zur Ansicht, künftig werde sie nicht froh.

 

Bedrückt und ängstlich lief sie durch ihr Leben,
erwartete den lauten, dumpfen Knall.
Doch stets hat sich das Nächste gut ergeben,
ihr Tun bewirkte positiven Hall.

 

Sogar die neunmalkluge Prophezeiung,
die notfalls eigenständig sich erfüllt,
bevorzugte die strenge Selbstkasteiung
und ließ ihr Glück auch weiter unverhüllt.

 

 

Bühnenrealismus

 

Friederike vom Ballett

findet Emil von der Kasse nett.

Dieser Gerda vom Büro

und den Heinz vom Malsaal ebenso.

 

Heinz hat Rita auf der Liste,

doch die springt mit Robert in die Kiste.

Robert aber hat gleich zwei -

auch die Gabi von der Schneiderei.

 

Diesen Abend gibt die Bühne

eine Operette, eine kühne.

Die bewegten Szenen zeigen

einen bunten Lust- und Liebesreigen.

 

Für ein altes Ehepaar

ist am Schluss das Urteil sonnenklar.

Es kann nämlich gar nicht leiden,

wenn Autoren völlig übertreiben.

 

 

 

 

Eingeschränkter Wunsch

 

Geh ich vorbei an alten Stätten,

kommt der Gedanke ab und an:

Ich muss Erinnerungen retten,

zum Beispiel die an Florian.

 

Was ist denn nur aus ihm geworden?

Ist er ein klasse Germanist?

Hat ihn der Alkohol verdorben?

Ist er wie damals Sozialist?

 

Ich denke an die wilden Zeiten

in unsrer Studium-WG.

Natürlich gab’s auch Streitigkeiten –

zuallererst um Paula-Fee.

 

Wir waren beide arg verschossen

in ihre Augen, in ihr Blond.

Natürlich hat sie uns verdrossen,

weil sie sich nicht entscheiden konnt’.

 

Dem lieben Freund steh’ alles offen!

Ich wünsch ihm, dass er stetig siegt!

Doch eines möchte ich nicht hoffen:

Dass er die Paula hat gekriegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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