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Der Kistenkönig

 Ein Spiel für junge Leute
von Rolf Stemmle

Personen:
Herr Götzfried, Hausmeister
Simone, Schülerin
Klaus, Schüler

Ort:
Ein Raum, in dem Verpackungsabfall
(Schachteln, Kisten, Styropor, Folien)
gesammelt wird 

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

Die Schüler Simone und Klaus geraten in den Sammelraum für Verpackungsmaterial eines Kaufhauses. Dort finden sie Herrn Götzfried, der gerade ein Mittagsschläfchen hält. Er wird wach, und sie kommen ins Gespräch. Herr Götzfried hatte einen eigenwilligen Traum: Er wurde zum König gekrönt und kam zu großer Macht. Trotzdem hat ihm der Nachbarkönig seine Tochter verwehrt, und so begann Herr Götzfried einen Krieg. - Die Geschichte verleitet Simone, Klaus und Herrn Götzfried zu Überlegungen und Experimente rund um das Thema Autorität - ihre Notwenigkeit und ihre Grenzen.

       
 

Textprobe 

Verpackungsmüllsammelraum.

Neben der Bühne oder in die Bühne integriert ist eine Projektionsfläche, auf der später Bilder gezeigt werden.
In einer Schneise zwischen den Kisten liegt Herr Götzfried. Er hat in seiner Mittagspause Wurstsemmeln gegessen und dazu mit einem Rekorder CDs gehört. Dabei ist er eingeschlafen. Er trägt einen alten Hausmeisterkittel.

Nach einiger Zeit öffnet sich eine Tür und Klaus kommt herein.

Klaus:                           He, wo geht´s denn da hin?

Simone draußen:          Komm da wieder raus!

Klaus:                           Aber die Maus ist in diese Richtung verschwunden.

Simone:                         Die ist längst weg!

Klaus:                           Simone, schau! Der Raum ist voller Kisten!

Simone kommt ebenfalls herein. Sie hat eine Einkaufstasche dabei.

Simone:                         Komm, das ist doch nichts Besonderes! Da sammelt das Kaufhaus den Verpackungsmüll.

Klaus:                           Pst! Da liegt einer!

Simone:                         Los! Komm jetzt! Der geht dich nichts an!

Klaus untersucht den Schlafenden: Vielleicht ein Mord! – Tod ist er nicht. Er atmet.

Simone:                         Das ist Herr Götzfried. Der wohnt bei mir um die Ecke.

Klaus:                           Und was macht der hier?

Simone:                         Der wird hier arbeiten.

Klaus:                           Der arbeitet nicht, der schläft. Wie ein Murmeltier.

Simone:                         Schaut so aus, als ob er nach dem Mittagessen eingeschlafen ist.

Klaus:                           Gut kombiniert! Da liegt noch die Tüte vom Metzger. Und an seinem Kittel hat er Brösel.

Simone:                         Na, dann ist ja alles in Ordnung! Und jetzt komm!

Herr Götzfried öffnet die Augen. Er fährt hoch.

Herr Götzfried:             Ha! Werde ich jetzt geköpft!? (Besinnt sich.) Oh! Wer seid denn ihr?

Simone:                         Niemand wird hier geköpft!

Herr Götzfried:             Ach quatsch! Ich habe nur ziemlichen Mist geträumt. (Zu Simone.) Dich hab ich schon mal gesehen!

Simone:                        Ich wohne in Ihrer Nachbarschaft. Simone heiße ich. Und das ist Klaus. Der geht in meine Klasse.

Klaus:                           Wir wollten Sie aber nicht aufwecken!

Herr Götzfried:             Das habt ihr aber! Aber das ist gar nicht so schlecht... weil ich ja eigentlich... ich bin wohl nach der Brotzeit eingeschlafen.

Simone:                        Und der Traum war wohl auch nicht so toll!

Herr Götzfried:             Kann man wohl sagen. Der war zuletzt sogar ziemlich übel... – So, aber jetzt sagt mal: Was sucht ihr da herinnen? Das ist mein Verpackungsmüllsammelraum. Und da habt ihr nichts verloren!

Klaus:                           Wir haben eine Maus verfolgt.

Simone:                        Und da haben wir gedacht, sie sei zu Ihnen... in den...

Klaus:                           ...in den Verpackungssammelraum.

Herr Götzfried:             Verpackungsmüllsammelraum! Ich weiß, es gibt hier im Kaufhaus Mäuse. Aber die haben ihre Nester drüben im Lager, wo es Plätzchen und Schokolade gibt. Bei mir holen sie nur gelegentlich etwas Styropor und Pappe.

Klaus:                           Wir haben sie in der Buchabteilung unter einem Regal gesehen. Und dann ist sie in diese Richtung hier verschwunden.

Herr Götzfried lacht:   In der Buchabteilung! Hihi! Das wird Frau Löffler freuen! – Frau Löffler ist die Leiterin der Buchabteilung. - Da gibt es auch CDs mit Abenteuergeschichten. Und Frau Löffler ist so nett und leiht mir diese CDs, damit ich sie mir in der Mittagspause anhören kann. Gerade vorhin habe ich eine tolle Geschichte gehört, mit Prinzessinnen, Prinzen und einem mächtigen König! Die war so schön, dass ich eingeschlafen bin. – Äh, es wäre sehr nett von euch... weil ich ja natürlich nicht schlafen darf... es wäre also....

Simone:                        Wir sollen niemand etwas sagen!

Klaus:                           Den Mund halten!

Herr Götzfried:             Sonst krieg ich Ärger mit meinem Chef.

Simone:                        Klar!

Herr Götzfried:             Das ist nett von euch! Wenn ihr mögt, könnt ihr einen Muffin haben. (Packt aus.) Die sind mir zu viel.

Simone und Klaus greifen zu.

Simone:                        Danke. Hat die ihre Frau gemacht?

Herr Götzfried:             Nein, nein, ich habe doch gar keine Frau! Die habe ich selbst gebacken. So etwas backe ich selbst. Am Sonntag hatte ich Besuch, und ich habe viel zu viele gemacht. – Die haben garantiert noch keine Mäuse angebissen! – Hihi, da wird Frau Löffler Augen machen, wenn ich ihr von der Maus erzähle! – Was habt ihr denn in der Buchabteilung gesucht?

Klaus:                           Simone und ich sind am Samstag bei einer Geburtstagsfeier eingeladen. Und der Helmut wünscht sich ein Buch über Burgen und Schlösser.

Herr Götzfried:             Aha! Ich finde Geschichtsbücher total interessant. Hat euch die Frau Löffler welche gezeigt?

Simone packt das Buch aus: Schauen Sie! Da ist es! Bitte ganz vorsichtig nehmen!

Herr Götzfried wischt sich die Finger ab: Die sind sauber! – Oh, das ist ja ein ziemlicher Schinken.

Klaus:                           Gleich am Anfang sind tolle Ritterburgen drin.

Sie blättern.

Projektionen: Bilder der angesprochenen Burgen, Schlösser und Könige.

Klaus:                           Da, die heißt Burg Greifenstein, und das ist Burghausen. Die längste Burg der Welt. Über einen Kilometer! Da steht’s: 1043 Meter!

Herr Götzfried:             Und da kommen jetzt die Königsschlösser.

Simone:                        In den Ritterburgen haben doch auch Könige gewohnt!

Herr Götzfried:             Könige gab’s zur Zeit der Ritterburgen nicht so viele. Da gab es hauptsächlich Fürsten, Grafen und Landgrafen. Könige waren mehr die Chefs von größeren Ländern. Wie der her! Ludwig der Vierzehnte. Der war König von Frankreich. Und das ist sein Schloss Versailles. Das ist das größte, das es gibt. - Und das hier ist Sanssouci.

Klaus:                           Was?

Herr Götzfried:             Sanssouci. Das heißt was... Moment, da steht es: „Ohne Sorge“. Da wollte sich der König also ausruhen von seinen Staatsgeschäften.

Klaus:                           Und welcher König war das?

Herr Götzfried:             Da ist er! König Friedrich der Zweite von Preußen. Der hat das Schloss gebaut.

Klaus:                           Bauen lassen! Weil gebaut haben es ja der Architekt und die Arbeiter.

Simone:                        Da war ich schon mal! Neuschwanstein!

Herr Götzfried:             Ja, so stellt man sich ein richtiges Märchenschloss vor.

Simone:                        Das steht in den Bergen, in den Alpen. Da war ich, als ich bei Onkel Josef zu Besuch war.

Herr Götzfried:             Gebaut... also richtigerweise in Auftrag gegeben hat es Ludwig der Zweite. Der war mal König von Bayern. – Und da haben wir vorhin vorbei geblättert, das ist auch wichtig.

Simone:                        Das wirkt sehr viel strenger.

Herr Götzfried:             Ist es auch. Das steht in Spanien. Das ist mehr ein Kloster als ein Schloss. In so was haben sich die spanischen Könige wohl gefühlt. Mir wäre es da drin zu langweilig.

Klaus liest:                  Escorial.

Herr Götzfried:             Da drin liegt Kaiser Karl der Fünfte begraben.

Klaus:                           Wieso war das jetzt ein Kaiser?

Herr Götzfried:             Ja, so genau weiß ich das auch nicht. Das hängt mehr oder weniger von der Bedeutung und der Größe des Landes ab. Ein Graf hat ein kleineres Land als ein König, und ein Kaiser war etwas ganz Besonderes. Und darum haben sich eben verschiedene Namen für denjenigen herausgebildet, der oben sitzt.

Klaus:                           Der die Macht hat.

Herr Götzfried:             Ja, der eben sagt, wo es langgeht. Das ist wie bei uns im Kaufhaus. Unser oberster Chef ist Herr Müller, darunter gibt es die Abteilungsleiter, wie Frau Löffler, die die Buchabteilung leitet. Über mir ist Herr Stamek, der erste Hausmeister. Und ich bin Chef der Verpackungsmüllabteilung – sozusagen.

Klaus:                           Gibt es heute eigentlich noch Könige?

 

       
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