zurück zur Komödienseite
 

 

Ein Abend mit Julius

 Eine Komödie in zwei Aufzügen
von Rolf Stemmle

Personen:
Julius
Irmi
Xaver

Stimmen:
Einer
Anderer
 

Ort und Zeit:
Theater und Wohnung
von Irmi und Julius;
Gegenwart und Ende des
vergangenen Jahres

 

Aufführungsrechte beim Mahnke-Verlag
Manuskript zur Ansicht zu bestellen bei:
Mahnke-Verlag, Postfach 1507, 27283 Verden/Aller
 www.mahnke-verlag.de

       

Julius hat’s gut. Seine fürsorgliche Freundin Irmi lässt ihn faul dahinleben und glaubt seiner Beteuerung, auf der Suche nach einer eigenen künstlerischen Sprache zu sein. Dennoch bleibt die Beziehungskrise nicht aus. Eine Perspektive ist nötig, und so beginnt Julius, eine Komödie zu schreiben. Als Vorbild dient der Pechvogel Xaver, ein Bekannter von Irmi. Das Unglück Xavers steigert sich aber so sehr, dass es nötig wird, ihn über die Weihnachtstage einzuladen. Julius macht also Bekanntschaft mit seinem Modell. Die Folge: Gewissensbisse und schließlich eine fatale Entdeckung…
Eine bissige Beziehungskomödie!

       
 

Textprobe

Erster Aufzug 

Wohnzimmer von Irmi und Julius.

Die Einrichtung ist weder besonders exklusiv noch besonders ärmlich; sagen wir, sie ist gewöhnlich, durchschnittlich. Im Hintergrund befindet sich eine Couch mit Tischchen, davor ein Fernseher. Im Vordergrund steht ein Esstisch mit zwei Stühlen.

Julius tritt vor das Publikum. Er ist etwa 30 Jahre alt, wirkt leger, sogar ein bisschen schlampig und heruntergekommen. Auch wenn man es ihm nicht recht ansieht, so ist er doch ein Mensch, der Ideen hat und sich für diese Ideen begeistern kann. Aber seinen größten Feind, den Inneren Schweinehund, vermag er nur in außergewöhnlichen Augenblicken zu überwinden. In den ersten Szenen wirkt er daher faul und langweilig.
  Angesichts des Publikums, an das er nicht gewöhnt ist, wirkt er zunächst unsicher. Erst nach einiger Zeit - wenn er sich mit dem Publikum in seiner Geschichte verbündet glaubt - traut er sich, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Dann fühlt er sich wohl und findet selbstgefälligen Spaß an seiner Rolle als Erzähler.

 Julius:                           Guten Abend. Entschuldigen Sie meinen Aufzug. Wenn ich vor mehreren Leuten zu tun habe, dann ziehe ich mich gewöhnlich schon etwas besser an. Das war zwar noch nicht so oft, aber wenn, dann würde ich es tun.

Also, das ist so: Ich spiele hier -  hier in dieser Komödie auch selber mit. Sie werden jetzt dann gleich eine Geschichte vorgeführt bekommen. Die ist wirklich so passiert. Ich spiele, wie gesagt, in den einzelnen Szenen mit, und dazwischen werde ich ein bisschen was erzählen. Darum dieser Aufzug.

Ich erzähle jetzt, was Sie vor Beginn des Stückes wissen sollten: Mein Name ist Julius. Ich habe die Mittlere Reife. Okay, vielleicht hätte ich auch das Abitur geschafft, aber ich war eben nicht so ganz zielstrebig. Ich hatte immer schon den Drang zum Höheren und Größeren - und der wird nicht benotet. Im Gegenteil, er hat nicht gerade meine Bereitschaft gefördert, mich mit gewissen zivilisatorischen Bildungs-Grundlagen zu befassen. Kurz: Ich bin Künstler. Lyriker. Ich bin gewissermaßen noch auf der Suche nach meiner eigenen künstlerischen Sprache und habe daher noch nicht den Mut gefunden, meine inspiratorische Kraft in ein bahn-brechendes Werk zu kanalisieren. Aber das kommt schon noch! Als Dramatiker betätige ich mich auch gelegentlich. Einmal war es mit 17 und dann Ende letzten Jahres. Das Stück von Ende letzten Jahres ist übrigens das hier.

Das hier im Hintergrund ist die Wohnung von Irmi.

Ja, stimmt, über Irmi wollte ich noch was sagen. Ich muss mich jetzt sehr diplomatisch ausdrücken, um die dramatische Spannungskurve des Stückes nicht mit einem Nebensatz zu zerschlagen. (Sehr bewusst formulierend.) Also, sie ist ein sehr liebes Mädchen, häuslich, und - ich spreche jetzt aus der Gegenwart das Stückes - wir lieben uns und leben folglich zusammen.

Das hier ist also unsere gemeinsame Wohnung, die Irmi gemietet hat. Und Irmi zahlt sie auch - das muss ich fairerweise sagen. Diese Information brauchen wir noch für später.

Irmi hat vor langer Zeit mal studiert - Sozialpädagogik - hat aber nie eine vernünftige Stelle bekommen und jobbt jetzt als Bedienung in einem Tagescafé. Im Café "...". Privat hat sie nie aufgehört, Sozialpädagogin zu sein. Das hat gute und schlechte Seiten. Wegen der guten Seiten war es mir möglich, mich ganztags meiner Künstlernatur zu widmen. Neider nennen das "aushalten". Aber es gibt ja auch schlechte Seiten... Dazu kommen wir noch.

Wir beginnen also mit einem Abendessen Ende Oktober letzten Jahres.

 

Er setzt sich an den Tisch.

Irmi kommt mit einem Tablett aus der Küche. Sie bringt eine Suppenterrine, zwei Teller und Löffel. 

Ihre häusliche, fürsorgliche Art erweckt zunächst den Eindruck, als könne sie in der Beziehung nur die Rolle einer schmalspurigen Haushälterin spielen. Sie bringt so viel Liebe und Verständnis für Julius auf, dass sie an seine Künstlerseele glauben kann. (Sie dürfte wohl die Einzige sein, die dies vermag.) Andererseits ist sie jedoch (in der Regel) viel zu schwach, harmoniebedürftig und gutmütig, um Julius anzutreiben, seinen "Inneren Schweinehund" zu besiegen. Einseitig und unermüdlich versucht sie mit Aktivität und guter Laune, Schwung und Farbe in die Beziehung zu bringen.

Irmi verteilt die Suppe.

Irmi interessiert:         Was war heute im Fernsehen?

Julius:                           Vormittags "Der kühne Schwimmer" mit Gunther Philipp in Pro 7, mittags "Die Schlümpfe" in Sat.1 und nachmittags "Der Clifornia Clan" im RTL.

Irmi:                             Schön?

Julius.                           Vormittags langweilig, mittags ganz nett. Nachmittags war's blöd. Morgen kommt um vier "Eine Nummer zu groß" mit Sinatra im Kabelkanal.

Irmi:                             Mm, den Sinatra seh ich gern. Schade, dass ich da arbeiten muss.

Julius:                           Du könntest ja mal einen Videorekorder besorgen. Manchmal kommen zwei gute Sachen gleichzeitig.

Irmi:                             Zuerst bräuchtest Du neue Winterstiefel!

Julius:                           Ich will doch sowieso nicht raus.

Irmi:                             Du brauchst irgendwann mal wieder frische Luft!

Julius zum Publikum:   Das ist eine der schlechten Seiten.

Irmi unnachgiebig:       Ich versteh gar nicht, wie Du das den ganzen Tag ohne Sonne aushältst.

Julius:                           Ich bin eben ein anderer Mensch als Du.

Pause.

Irmi interessiert:           Hast Du was geschrieben?

Julius nickt.

Irmi:                             Lies vor!

Julius:                           Ich kann es auswendig. Vierzeiler.

                                               Der Tag ist grau, trostlos, trist,

                                               ich sitz in einem kleinen Zimmer

                                               und denke nur an Sex und Mist.

                                               Ich glaub, der Tag vergeht heut nimmer.

Irmi betroffen:              Wie geht es Dir dabei?

Julius überrascht:          Naja...

Irmi besorgt:                Ich glaube, Du bist mit Deiner Kunst momentan in einer ziemlichen Krise.

Julius ernst:                  Ich suche eben noch.

Irmi:                             Du bist so depressiv.

Julius überlegt kurz; wichtig: Ich komme eben nicht weiter.

Irmi:                             Du hast Dich da ziemlich in was verrannt.

Julius:                           Findest Du?

Irmi:                             Ich fürchte immer, Du versteckst Dich vor Dir selbst. Du hast Dir da eine eigene Welt aufgebaut, die dir eine trügerische Sicherheit gibt. Du hast...

Julius ablenkend:         War heute was los - im Café?

Irmi merkt, dass sie ihn genervt hat: Naja, Herr Beinbreiter war mal wieder da - mit seinem Enkelkind. Es ist zwei und kann schon ganz allein dem Opa den Kaffee aus dem Kännchen in die Tasse schütten. Total seiner Entwicklung voraus.

Julius lustlos:                Toll.

Irmi träumerisch:        Ein besonders süßes Kind, finde ich.

Julius schnell:              Ich bin mit der Suppe fertig.

Irmi:                             Hat sie Dir geschmeckt? (Räumt ab.) Das war eine Zillertaler Hochzeitssuppe. (Geht in die Küche.)

Julius:                           Und sonst?

Irmi schreit:                 Was?

Julius schreit zurück:   War sonst was los?

Irmi:                             Beim Einkaufen habe ich Otto getroffen. (Kommt mit Wurst, Käse und Brot zurück.) Einen schönen Gruß.

Julius:                           Wie geht's ihm?

Irmi:                             Ganz gut - glaube ich. Gestern war er beim Zahnarzt. Der Zahnarzt war zufrieden.

Julius belebt:                Hast Du Gefüllte Weinblätter gekauft?

Irmi eifrig:                   Natürlich. (Holt ein Plastik-Tütchen aus einer Einkaufstasche.)

Julius:                           Ah! Der Höhepunkt des Tages. (Beginnt genüsslich, Weinblätter zu vertilgen.)

Pause. Beide essen.

Irmi:                             Stell Dir vor, beim "..." war das Sonderangebot von den rahmenlosen Bildhaltern schon aus. Und der "..." hat zur Zeit kein Sonderangebot! Ich wollte doch das Bild, das mir die Sabine zum Geburtstag geschenkt hat, dort drüben aufhängen. Den Matisse. Aber ich habe gestern in der "..." gelesen, dass der "..." noch welche hat. Ich muss sowieso am Samstag in die Bibliothek, und da schau ich gleich beim "..." vorbei...

Julius verlässt die Szene.

Julius:                           So, das dürfte Ihnen einen kleinen Eindruck von uns vermittelt haben. Sie sehen, eine bescheidene Zweiergemeinschaft mit all ihren Freuden, Erlebnissen und alltäglichen Problemen. Okay, keine Ideal-Beziehung, in der man durch gegenseitige Befruchtung beginnt, über sich selbst hinauszuwachsen, nein, eine ganz normale Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich lieben und achten, auch wenn das nicht bei jedem Abendessen gesagt wird. Ich war zufrieden. Irmi ein nettes, häusliches Mädchen mit einer gewissen Neigung zur Psychologie, dadurch aber auch mit einem nicht alltäglichen Verständnis für die Kunst ausgestattet. Ich ein ehrlicher Partner, der mit seiner Kunst akzeptiert und geliebt werden wollte.

Doch das Schicksal kann bei all zu viel Glück nicht lange untätig zusehen.

Es begann mit einem Anruf von Rita. Ich habe zwar keine Beweise, dass es Rita war, aber ich bin mir absolut sicher. (Aggressionen steigen in ihm hoch.) Die mag mich nämlich nicht. Und ich sie erst recht nicht - schon vor diesem Anruf.

Sie hat vor einiger Zeit BWL studiert. Nun, es gibt weißgott Schlimmeres, als BWL zu studieren - auf die innere Haltung kommt es eben an. Reden wir jetzt nicht über jene Studenten aus meist behütetem Elternhause, die mannhaft davon überzeugt sind, dass man unsere Gesellschaft - ich drücke mich jetzt vorsichtig aus - dem freien Spiel der Kräfte überlassen muss. - Über die brauchen wir gar nicht weiterdiskutieren! - Nein, reden wir über jene, die dem Ganzen eher kritisch gegenüber stehen. Und was die betrifft, da mag ich nur solche, die ihre differenziertere Betrachtungsweise auch nach ihrer ersten Anstellung behalten.

Rita aber, eine kleine, hässliche Frau, die immer zu kurz gekommen ist - kann sein, dass ich ihr jetzt un-recht tue, aber ich mag sie nun mal nicht - Rita also, hat während des Studiums bei allen möglichen grün-alternativen Arbeitsgruppen und Studenten-Initiativen mitgemischt und ist jetzt bei... bei einer (Deutlich.) Bausparkasse in... in Schwaben. Und wenn Sie mal zu Besuch ist, redet sie nur vom Geld. Und schaut auf die Irmi herab, weil die ja "unvernünftigerweise" Sozpäd studiert hat. Und mit soeiner ist Irmi befreundet - seit einer WAA-Demo im Herbst 87.

(Beruhigt sich.) Wie gesagt, mit ihr muss Irmi telefoniert haben, damals, als ich gerade nichtsahnend in der Badewanne lag.

 
       
  zurück zur Komödienseite