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Drüberflieger 

Eine Komödie in vier Aufzügen
von Rolf Stemmle

Personen:
Toni
Walter, ihr Mann
Rita
Engelbert, ihr Mann
Pascal, Ritas Sohn
Herr Zobel
Frau Zobel
Gudrun, Ritas Freundin
Sylvia, Ritas Freundin
Katharina, ihre Tochter

Ort und Zeit:
bei Toni und Walter;
Gegenwart

Aufführungsrechte beim Ostfriesischen Theaterverlag
Manuskript zu bestellen unter
www.ostfriesischer-theaterverlag.de

       
 

Toni drängt es dazu, angesichts von Not und Elend aktiv zu werden. Zusammen mit ihrer alten Studienfreundin Rita, inzwischen ziemlich arriviert, startet sie eine Altkleidersammlung für eine Stadt in Sibirien, die von einer Katastrophe heimgesucht wird. Einerseits weitet sich der Kreis, andererseits werden die Aktions-Planungen von oberflächlichen Alltäglichkeiten überwuchert, die wichtiger erscheinen. Zuletzt fällt Rita als Helferin aus, weil sie für das gleiche Wochenende eine Urlaubsreise gewonnen hat. Doch Toni weiß, wie sie der Gerechtigkeit auf die Sprünge helfen kann.
Eine bissige Gesellschaftssatire um Bequemlichkeit und Verantwortung!

       
 

Textprobe

Erster Aufzug 

Wohnzimmer mit Balkon von Toni und Walter. Ein lauer Abend im September. 

Die beiden sind erst kürzlich hier eingezogen. Die Sitzecke wurde noch nicht angeliefert, und so stehen in dem Bereich an der rechten Raumseite, der dafür vorgesehen ist, nur provisorisch ein Tisch und Stühle umher. Rechts vorne befindet sich eine Tür, die in die hinteren Räume führt (Schlafzimmer, Bad, Arbeitszimmer), im Hintergrund der Eingang vom Flur, links ein Durchgang zur Küche. Vorne links, nah beim Publikum, ist ein kleiner Balkon angebaut, auf den gerade mal zwei Stühle und ein kleiner Tisch passen.

An den Wänden hängen große, farbenfrohe, etwas naive Bilder – mit mäßigem Talent, aber sprühendem Eifer gemalt.

Der Raum wirkt ordentlich und sauber. Behaglichkeit wird angestrebt, aber nicht erreicht.

Walter repariert einen tragbaren Fernseher. Die Rückwand ist abgenommen, und Walter schraubt und lötet tief im Inneren. Herr Zobel sitzt daneben und schaut ihm über die Schulter. 

Herr Zobel:                  Hab ich ein Glück!

Walter:                         Glück würde ich das nicht nennen. (Pause.) Wenn der Fernseher den Geist aufgibt. Aber es ist nur eine Kleinigkeit, meine ich. Da ist nur eine Lötstelle etwas brüchig geworden. Sie haben Glück, dass Sie noch so einen alten Kasten haben. Heutzutage besteht ein Fernseher nur noch aus Systemelementen, und man wirft ihn am besten weg, wenn er einen Wackelkontakt hat.

Herr Zobel:                  Nein, mit dem Glück habe ich das anders gemeint. Dass wir Sie als neue Mieter genommen haben! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich werde es nicht ausnützen, aber praktisch ist es schon, wenn ein Elektrotechniker in der Nähe ist.

Walter:                         Ja, da haben Sie recht.

Herr Zobel:                  Meine Frau hätte mich beinahe zu einem Koch überredet. Weil der unter tags schläft und abends in die Arbeit geht. Und Rezepte und Anregungen hat sie sich auch erhofft. Aber ich hab sie dann gottlob überzeugt. Ein Elektrotechniker hat Vorteile! Da sparen wir uns was!

Pause.

Herr Zobel:                  Ich könnte Ihnen günstig Krawatten besorgen.

Walter:                         Möchten Sie was trinken? Ich hab Sie noch gar nicht gefragt.

Herr Zobel:                  Danke, jetzt nicht. – Meine Schwägerin bestickt in Heimarbeit Krawatten. Damit verdienen sie sich den Urlaub.

Walter:                         Wenn sie schön sind. Aber nicht zu extravagant. Ich bewege mich unter Schülern und Technikern - und nicht unter Managern und Modeschöpfern.

Herr Zobel:                  Nein, klassisches Design.

Walter richtet sich auf: So, jetzt müsste er wieder laufen. (Steckt den Fernseher an und schaltet ein. Keine Reaktion.) Mist!

Herr Zobel:                  Probieren Sie‘s noch mal!

Walter schaltet ein, der Fernseher geht an.

Herr Zobel:                  Ha! Sehr gut!

Walter:                         Aber warum hat er beim ersten Mal nicht funktioniert?

Herr Zobel:                  Noch mal!

Walter schaltet aus und ein. Er geht nicht.

Herr Zobel:                  Verdammte Kiste!

Walter:                         Irgendwas stimmt noch nicht.

Herr Zobel:                  Aber einmal ist er gegangen.

Walter:                         Ist mir ein Rätsel. Entweder fließt Strom - oder nicht.

Herr Zobel:                  Bei dem fließt nur manchmal Strom.

Walter:                         Technisch gesehen gibt es „manchmal“ nicht. Entweder – oder. (Beginnt wieder zu basteln.)

Herr Zobel:                  Ist sowieso ein kleines Wunder, dass so ein Ding funktioniert.

Walter:                         Alles nur eine Frage des Erkennens von Naturgesetzen und deren Nutzbarmachung.

Herr Zobel:                  Jaja, da haben Sie schon recht, Herr Lorenz, aber erstaunlich ist es doch. - Erstaunlich war auch, wie er kaputt gegangen ist.

Walter:                         Auch das war kein Wunder! Irgendwann ist das Material ermüdet, und es kann kein Strom mehr fließen. Irgendwann läuft die Badewanne über.

Herr Zobel:                  Das ist schon klar. Ich meine auch vielmehr den Zeitpunkt. Die Enkel waren da, und meine Frau hat gemeint, ich solle mit ihnen im Garten etwas Federball spielen. Das täte mir gut, halte die Kinder ab vom Gameboy und fördere den „Generationendialog“. Ich sage, ich möchte lieber die Sportschau sehen. Ich ziehe mich in meinen Hobbyraum im Keller zurück, schalte den Fernseher an und – peng – er geht nicht! Als würde er das mit Absicht machen! Oder ein Anderer!

Walter:                         Ich glaube nicht an Geister!

Herr Zobel atmet tief durch: Ich ja auch nicht! – Man wundert sich halt!

Das schnurlose Telefon klingelt.

Walter:                         Gehen Sie bitte ran. Ich kann jetzt nicht!

Herr Zobel am Telefon: Hier bei Lorenz. (Hörte eine Weile zu; dann zu Walter.) Ein Meinungsforschungsinstitut möchte ein paar Fragen stellen.

Walter:                         Das kommt jetzt etwas ungelegen.

Herr Zobel:                  So was ist wichtig! Die Wirtschaft kann nur die Nachfrage befriedigen, wenn sie auch weiß, was nachgefragt wird.

Walter:                         Dann beantworten doch bitte Sie die Fragen!

Herr Zobel ins Telefon: Noch einen kleinen Moment. (Zu Walter.) Das würde die Zufälligkeit der Stichprobenauswahl verfälschen!

Walter:                         Okay! Was wollen sie wissen?

Herr Zobel hört am Telefon und wiederholt die Frage für Walter, Walter antwortet laut und deutlich aus der Ferne ins Telefon.

Herr Zobel ins Telefon: Stellen Sie bitte die Fragen. (Hört und wiederholt.) Welche Schulbildung haben Sie?

Walter:                         Hochschule, Elektrotechnik.

Herr Zobel:                  Beruf und Alter?

Walter:                         Berufsschullehrer, 43.

Herr Zobel verschämt: Jetzt möchte er wissen, ob Sie mehr oder weniger als 40 000 Euro verdienen.

Walter nach kurzem Zögern: Mehr.

Herr Zobel ist beeindruckt; ins Telefon: Mehr, hat er gesagt. – Leiden Sie gelegentlich an Calcium-Mangel?

Walter:                         Nein.

Herr Zobel:                  Magnesium?

Walter:                         Nicht, dass ich wüsste.

Herr Zobel:                  Wie ist ihr Allgemeinbefinden?

Walter:                         Wenn ich den Fernseher endlich hinbekäme, gut.

Herr Zobel:                  Es geht ihm gut. – Trinken Sie gelegentlich Lebertran oder Apfelessig?

Walter:                         Keins von beidem.

Herr Zobel:                  Haben Sie manchmal Sodbrennen? Oder andere Magen-Darm-Probleme?

Walter:                         Nur, wenn ich was Falsches esse.

Herr Zobel:                  Er hat „ja“ gesagt. – Ob Sie dann Fruchtwürfel nehmen? Oder Artischocken-Dragees?

Walter inzwischen ziemlich genervt: Früchtewürfel. Ich nehme dann Früchtewürfe. Wenn ich verstopft bin.

Herr Zobel:                  Jetzt kommen wir zu den Unruhezuständen und Schlafstörungen. Was bevorzugen Sie: Rote-Baldrian-Perlen, Hopfentees oder Johannisbeer-Dragees?

Walter:                         Hopfen! Aber nicht als Tee!

Herr Zobel:                   Und wenn es keinen Hopfen gäbe?

Walter:                         Dann trinke ich einen trockenen Roten.

Herr Zobel willfährig: Er hat Baldrian gesagt. (Verwirrt.) Ich weiß jetzt nicht, ob Sie antworten wollen? Haben Sie nachts übermäßigen Harndrang?

Walter ironisierend:  Was heißt „übermäßig“?

Herr Zobel:                  Wenn Sie mehr als einmal nachts rausmüssen.

Walter:                         Nein. Ich nehme regelmäßig ein Kürbiskern-Produkt.

Herr Zobel:                  Entschuldigen Sie, aber letzte Nacht ging mindestens dreimal die Spülung!

Walter:                         Das war denn meine Frau! Die nimmt kein Kürbiskern-Produkt!

Herr Zobel ins Telefon: Haben Sie gehört, er nimmt ein Kürbiskern-Produkt. Ich übrigens auch. (Zu Walter.) Leiden Sie unter Akne, Schuppenflechte oder Ekzemen?

Geräusche und Gespräch im Flur.

Walter:                         Wir sollten jetzt aufhören!

Herr Zobel eifrig: Wir sind jetzt mitten drin! Wie steht es Akne?

Walter sehr genervt:  Ganz selten.

Herr Zobel:                  Aha! Selten. Und Schuppenflechte bzw. Ekzeme?

Walter:                         Machen Sie das alleine fertig! Meine Frau bringt Besuch. Gehen Sie auf den Balkon!

Herr Zobel sieht das ein: Ja, Moment. (Ins Telefon.) Wir müssen ohne Herrn Lorenz weitermachen, er bekommt Besuch. Achso, ist Ihnen egal. Hauptsache der Bogen wird voll. Sie machen das nur als Ferienjob, hm? (Geht auf den Balkon.) Wir waren bei der Frage Akne. Selten, hat er gesagt. (Das Folgende abseits und gleichzeitig mit der Ankunft von Toni und Rita.) Was mich betrifft: Schuppenflechte habe ich nicht; ein Ekzem hatte ich mal, da heroben am Oberschenkel. Widerlich war das. Fußpilz hatte ich auch mal. – Ah, dazu kommen wir noch. – Achselnässe? Eher meine Frau. Ich eher nein. – Mundgeruch? Mein Gott, ab wann beginnt Mundgeruch. Die Fragen werden sehr intim. Eigentlich nicht. – Ja, Fußschweiß, jaja, Fußschweiß, das muss ich einräumen. Meine Schuhe sind offen gesagt eine Zumutung. – Fußpilz, wie gesagt, ja. Vor einigen Jahren, hat aber lange gedauert, bis ich den los hatte. Was jetzt? - Hämorriden? Soll ich da jetzt ganz offen...? (Windet sich.) Ja, eigentlich schon. Die hatte ich... Hämorriden hatte ich schon, eine Zeitlang... sehr lästig... (Anschluss an folgende Szene:)

Toni und Rita kommen herein. Toni schleppt ein verpacktes Bild, Rita eine prallgefüllte Einkaufstasche. Rita raucht. Sie stellen die Lasten ab.

Toni ist ganz eingenommen von ihrem Problem.

Toni:                             Hallo Walter, stell dir vor, der Automat hat die ec-Karte eingezogen.

Walter noch immer bei der Arbeit: Hast eben dreimal die falsche Nummer eingegeben.

Toni:                             Nein, dreimal die richtige. Ganz bestimmt!

Walter:                         Dann hätte er sie ja nicht eingezogen.

Toni:                             Ich habe aber die richtige eingegeben!

Walter:                         Du musst vom Geburtstag deiner Schwester nur die Hausnummer unserer ehemaligen Wohnung abziehen.

Toni:                             Hab ich!

Walter:                         Dann hast du bestimmt wieder den Juni mit dem Juli (sprich: Julei.) verwechselt.

Toni:                             Juli ist richtig.

Walter:                         Und das Ergebnis ist dann durch vierzig teilbar.

Toni:                             Ja!

Walter:                         Dann versteh ich es nicht!

Toni:                             Ich ja auch nicht. (Gibt das Thema ratlos auf.) Aber ich hab das gerahmte Bild trotzdem abholen können. Rita hat mir ausgeholfen. Oh, entschuldige, ich hab dir Rita noch gar nicht vorgestellt.

Rita und Walter geben sich die Hand.

Rita:                              Hallihallo, ich bin Rita.

Walter:                         Walter.

Toni:                             Gerade haben wir uns in der Bäckerei getroffen. Wir kennen uns von der Uni.

Rita:                              Entschuldigung, habt ihr einen Aschenbecher!

Toni:                             Oh! Ja klar. (Überlegt.) Hier ist keiner! Auf dem Balkon steht einer!

Sie geht auf den Balkon und trifft auf Herrn. Zobel.

Herr Zobel ist gerade angelangt bei: Hämorriden hatte ich schon, eine Zeitlang... sehr lästig... – Oh! Moment! Guten Abend!

Toni:                             Herr Zobel?! Hallo! (Holt rasch den Aschenbecher herein und reicht ihn Rita.) Was macht Herr Zobel auf dem Balkon?

Herr Zobel:                  Nein, ich habe kein Produkt genommen... (Hört ungeduldig.) Hallo! Bitte können Sie...

Walter:                         Er nimmt an einer Marktforschungsbefragung teil.

Toni:                             Es geht offenbar gerade um seine Hämorriden!

Herr Zobel flehend ins Telefon: Ich möchte jetzt dann aufhören! Bitte! – Ja, ich habe sie veröden lassen!

Walter:                          Dann sollte er allmählich zum Ende kommen damit. (Geht zu Herrn Zobel.) Herr Zobel, vielleicht sollten Sie das Interview allmählich beenden.

Herr Zobel:                  Ja, ich bin schon dabei! (Am Telefon.) Noch zwölf Fragen? Das wird mir zu viel!

Walter nimmt das Telefon an sich: Würfeln Sie den Rest! Wiederhören! (Drückt die Ende-Taste.) Die Wirtschaft wird auch ohne Ihre Antworten zurecht kommen.

Herr Zobel erleichtert: Danke! Ich bin jetzt erleichtert!

Sie gehen zurück ins Wohnzimmer.

Herr Zobel:                  Frau Lorenz, es ist mir jetzt wirklich peinlich...

Toni:                             Man verliert bei solchen Befragungen leicht die Kontrolle über sich.

Herr Zobel:                  Jaja, sehr richtig.

Toni zu Walter:           Rita wollte sich unsere Wohnung ansehen. (Zu Rita.) Ich zeig dir jetzt die restlichen Zimmer.

Rita:                              Ja, ich bin gespannt.

Toni:                             Wir sind noch nicht komplett. Hier fehlt noch das Sofa. Lieferprobleme beim Stoffbezug. (Sie gehen rechts ab.)

Walter schweigt und repariert wieder am Fernseher.

Herr Zobel steht unschlüssig im Raum, setzt sich dann zu Walter: Wie geht’s ihm?

Walter:                         Er müsste jetzt funktionieren.

Herr Zobel:                  Haben Sie noch was verö... verlötet?

Walter:                         Nein, alles ist stabil.

Herr Zobel skeptisch: Und trotzdem ging er ja vorhin nicht. – Nicht immer.

Walter:                         Diesmal schon!

Walter steckt den Fernseher an und schaltet ein. Er funktioniert.

Walter:                         Sehen Sie!

Herr Zobel:                  Probieren Sie noch mal!

Walter widerwillig:   Okay! (Er schaltet aus, wartet einen Augenblick und schaltet wieder ein; er funktioniert.)

Herr Zobel:                  Sehr gut! Vorhin haben wir dreimal probiert.

Walter:                         Wenn ein Fernseher zweimal funktioniert, dann funktioniert er auch dreimal!

Herr Zobel:                  Und wenn nicht?

Walter beginnt, das Gehäuse zuzuschrauben: Er geht jetzt! Er muss jetzt gehen!

Herr Zobel etwas unsicher: Also danke, Herr Lorenz, vielen Dank für die rasche Hilfe.

Walter:                         Kein Problem.

Herr Zobel:                  Mein Frau zeigt Ihnen dann mal die Krawatten.

Walter:                         Soll ich ihn runtertragen?

Herr Zobel:                  Das wäre sehr liebenswürdig. Ich habe Ihnen, glaube ich, schon erzählt, dass ich wegen der Bandscheibe vorzeitig in Rente gehen musste.

Walter:                         Ja, haben Sie schon erzählt.

Während des Abgehens.

Herr Zobel:                  Wir hatten gerade einen riesigen Auftrag zu erledigen. Teppichböden für den Neubau der Handwerkskammer. Plötzlich Bandscheibenvorfall. Und aus war‘s mit dem Berufsleben! Von einem Tag auf den anderen!

Die Bühne bleibt kurz leer.

       
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