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Der bayerische Gral

 Eine Komödie in vier Bildern
von Rolf Stemmle

Personen:
Helene

Theodor von Senkenfuß

Ort und Zeit:
Museum auf Burg Senkenfuß
Gegenwart

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

Seit ein paar Jahren hat die bayerische Burg Senkenfuß einen neuen Eigentümer. Der außerehelich geborene Theodor hat die Burg geerbt und lebt seitdem als Burgherr in dem alten Gemäuer. Er hat vorgeblich die Burggeschichte erforscht und in der Kapelle den heiligen Gral entdeckt, den Ritter Giselher einst von einem Kreuzzug mitgebracht hat. Um die neuen Erkenntnisse zu präsentieren, betreibt er ein kleines Museum, außerdem versammelt er regelmäßig eine Runde von Auserwählten zu Gralsenthüllungen um sich. Die Gemeinde wehrt sich gegen diese offenkundigen Geschichtsverfälschungen und Anmaßungen und will das Treiben auf der Burg mit juristischen Mitteln beenden. In dieser angespannten Situation besucht Helene das Museum. Sie hat ebenfalls eine persönliche Verbindung zu der Burg und eigene Pläne. Auch ihr sind die Aktivitäten von Theodor ein Dorn im Auge, doch sie will ihn auf einem anderen Weg ausschalten. Denn sie verfügt über explosives Hintergrundwissen.

       
 

Textprobe  

Museumsraum auf der Burg Senkenfuß

Diese kleine Halle ist als erster Raum eines größeren Museums in mittelalterlichem Burggemäuer anzunehmen. Über den Burghof betritt man den Raum, am Eingang an der rechten Seite befindet sich eine Kasse. Ein Torbogen in der Rückwand führt zu den weiteren Schauräumen. In der Seitenwand ein Fenster. Eine schmale Luke ist Richtung Publikum zu vermuten.

Den Mittelpunkt dieser Halle bildet eine Vitrine. Die Wände schmücken eine Hellebarde, ein Porträt-Gemälde von Ritter Giselher sowie eine Halskette aus der Ritterzeit.

1. Bild

Theodor, ein schlanker Mann um die 35 Jahre, hat es sich auf einem Stuhl bei der Kasse bequem gemacht und liest ein Buch: „Ich bin mein eigener Chef“. Er macht sich Notizen. Nach einer Weile steht er auf, geht nach hinten und kommt mit einer Cola-Flasche zurück. Er wirft einen Blick durch die imaginäre Fensterluke an der Publikumsseite.

Theodor:                      Ah, super. Die kommt genau richtig.

Er trinkt aus der Flasche, geht dann zur Hellebarde, probiert, ob sie sich schnell und ohne Komplikationen herabnehmen lässt.

Sein Handy klingelt.

Er hängt die Hellebarde auf und nimmt das Gespräch an.

Theodor:                      Taddäus. – (Hört eine Weile, dann genervt.) Wer hat dir denn das erzählt? – Simon? Ja, es stimmt – größtenteils.Der hat sein Wissen aber auch nur aus einem verlogenen Artikel im Senkenfuß-Klopapier. Der Bürgermeister, ein gewisser Hackelmüller, ist der Drahtzieher. Und dahinter der Landrat und der Pfarrer mit seinem gesamten Katholischen Frauenbund. – War natürlich nicht so günstig, dass wir beim letzten Mal wieder zweimal den Sanka geholt haben. Philippus und Bartholomäus. – Hast du gar nicht mehr mitgekriegt. (Er blickt durchs Seitenfenster.) Du, ich krieg noch eine Besucherin. Kommt gerade über die Zugbrücke. Steuert aufs Museum zu. – Nee, das ist garantiert nicht die Letzte! Das schwör ich dir! – Wenn der Hackelmüller stur bleibt, geh ich aufs Ganze. Ansonsten: busyness as usual! – Also, Samstag, Vierzehnter, um drei, wie üblich. (Mit Unterton.) Und für die Hauptsach ist auch gesorgt! Mein hohes Amt ist Ehre und Verpflichtung!

Helene kommt herein. Sie ist außer Atem und reibt sich den rechten Fuß.

Helene:                        Grüß Gott. Ist schon offen, oder?

Theodor:                      Jaja. Bis fünf. (Am Handy.) Ist alles klar? – (Verholen.) Wir sind der Gral, der Gral sind wir! (Gesprächsende, dann zu Helene.) Die Zufahrt wäre weniger steil gewesen.

Helene:                        Aber über den Burgsteig hat man einen schöneren Blick.

Theodor:                      Ist Ihnen was?

Helene:                        Ich bin umgeschnackelt.

Theodor:                      Oje. Wollen Sie sich hinsetzen.

Helene:                        Ich glaub, es geht schon wieder.

Theodor rückt den Stuhl heran: Setzen Sie sich.

Helene setzt sich:          Ich glaub net, dass es schlimm ist. Nur überdehnt.

Theodor:                      Ich mach Ihnen einen kalten Umschlag, wenn Sie wollen.

Helene:                        Nein, ist net nötig!

Theodor geht nach hinten.

Helene mustert unterdessen den Raum.

Helene zu sich selbst, bekümmert: Alles hat er rausgerissen. (Mit Bedeutung.) Mein Gott: die Kette! Und der Ritter Giselher.

Theodor kommt mit einem nassen Handtuch.

Theodor:                      Des wird gleich besser.

Helene macht das Sprunggelenk frei. Theodor legt das Handtuch auf.

Helene:                        Oh, des tut gut! (Verholen provozierend.) Man merkt gleich, Sie sind ein Arzt.

Theodor reagiert:        Was?

Helene:                        Entschuldigen Sie, ich bin davon ausgegangen, dass Sie der neue Burgherr sind.

Theodor:                      Jaja, der bin ich auch.

Helene:                        Dann sind Sie doch Arzt.

Theodor:                      Ja, natürlich. Zahnarzt.

Helene:                        Ich hab den Artikel gelesen.

Theodor:                      Welchen?

Helene:                        Na, den, in dem der neue Schlossherr aus Bremen vorgestellt wird.

Theodor:                      Ja, den. Der ist aber schon drei Jahre alt.

Helene:                        Ja, des kann schon sein.

Theodor:                      Sie kennen die Burg? Weil Sie vorhin gesagt haben, dass man über den Burgsteig den schöneren Blick hat. Also müssen Sie ja auch die Autozufahrt schon mal gegangen sein.

Helene:                        Ich bin unten aufgewachsen.

Theodor:                      Achso, na dann.

Helene:                        Des Haus am Marktplatz, wo die Apotheke drin ist. Des gehört meine Eltern. Mein Vater hat dreißig Jahre die Apotheke betrieben.

Theodor:                      Jetzt sind Junge drauf. Die haben sich gut etabliert. Und die können froh sein, dass sie noch immer die Einzigen hier sind. Aber für eine zweite Apotheke ist Senkenfuß sowieso zu klein.

Helene:                        Ein paar Häuser, eine Kirch – und eine Burg.

Theodor.                      Aha, und Ihr Vater war hier der Apotheker.

Helene:                        Meine Eltern leben jetzt im Altersheim.

Theodor:                      Haus Elisabeth.

Helene:                        Die haben mir den Zeitungsartikel aufgehoben.

Theodor:                      Wohnen Sie jetzt wieder in Senkenfuß, oder sind Sie nur zu Besuch?

Helene:                        Zu Besuch. Ich schau halt immer mal wieder vorbei. Wohnen tu ich bei einer Freundin.

Theodor:                      Wie geht’s dem Fuß?

Helene bewegt ihn:      Tut kaum noch weh.

Theodor lacht unvermutet: Weglaufen können Sie nicht so schnell.

Helene:                        Hätte ich Probleme.

Theodor:                      Wollen Sie auch ein Cola?

Helene:                        Ja, gern.

Theodor geht nach hinten ab.

Helene schaut wieder durch den Raum; plötzlich mit gedämpfter Stimme: Giselher! Giselher! Bist du noch da?

Der Geist von Ritter Giselher lacht krächzend.

Helene:                        Giselher! Bist du’s wirklich?

Sie bemerkt, dass Theodor kommt und gibt sich unauffällig.

Theodor bringt eine Flasche Cola mit einem Glas. Er schenkt ihr ein.

 

       
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