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Tristan und sei Oide 

oder
Aufstand der Wagnerweiber

 Eine Parodie in fünf Akten
von Rolf Stemmle

Personen:
Marke, Brauerbeisitzer in Kornberg
Tristan, sein Neffe und Pächter in Unterfichtenau
Frau Flins, eine betuchte Frau aus Bad Irrling
Isolde, ihre Tochter
Kurwenal, Ober in Tristans Wirtshaus
Morold, Isoldes Verlobter
Brangäne, Zofe und Freundin Isoldes

Die Wagnerweiber:
Brünnhilde, tatkräftige Heldin aus dem „Ring“
Senta, ein norwegisches Mädchen aus dem „Holländer“
Eva, eine Nürnberger Bürgerstochter aus den „Meistersingern“
Elsa, sensible Adelige aus „Lohengrin“
Elisabeth, Thüringische Heilige aus „Tannhäuser“

Ludwig, Markes Sekretär
Kapitän, im Dienst von Marke
Maler, der den Hopfensee malt
Liesl, eine junge Magd

Ort und Zeit:
Rund um den Hopfensee;
bayerisches Mittelalter

Aufführungsrechte beim Autor
Manuskript zur Ansicht zu bestellen beim Autor

       
 

Unter Führung von Brünnhilde haben sich die Wagnerweiber aufgemacht, um Isolde aus Bad Irrling vorm drohenden Bühnentod zu bewahren. Sie treffen sich im heruntergewirtschafteten Kareol-Wirt, den Tristan von seinem Onkel, dem Brauerkönig Marke gepachtet hat. Tristan zeigt sich so schwermütig und träge, dass die Wagnerweiber Isolde schon "so gut wie tot" sehen, wenn beide zusammentreffen. Die Lage spitzt sich zu, als Onkel Marke Tristan überredet, in Bad Irrling eine Baustelle einer neuen Pilgerherberge zu verwüsten. Bauherrn sind Isolde und ihr Verlobter Morold. Tatsächlich verirrt sich Tristan nach der Keilerei verletzt in einen Ufergarten, in dem Isolde gerade auf ihren Verlobten wartet. Sofort fangen die beiden Feuer. Aber Brünnhilde ist zur Stelle und wirft sich mit ihren Genossinnen ins Geschehen? Erfolgreich? Jedenfalls sind noch viele Beinahekatastrophen zu umschiffen.
Wagners Musikdrama so, wie man es schon immer erleben wollte.

       
 

Textprobe  

Erster Akt

Terrasse von Tristans Gaststätte „Zum Kareol-Wirt“ in Unterfichtenau.

Blick auf den Hopfensee. Zwei oder drei Tische mit Stühlen stehen umher. Die Lokalität wirkt ordentlich, aber ärmlich.

Ein Maler steht im Hintergrund vor seiner Staffelei und malt den See. Er versucht, seine Empfindungen in einem Gedicht zum Ausdruck zu bringen, aber er findet nicht die passenden Worte.

Maler:                           Wenn ich den Hopfensee mal ...

                                     Wenn ich auf den Hopfensee schau …

                                     Wenn ich auf den Hopfensee seh,

                                     tut mir mein Herz noch gar nicht weh.

                                     Das Mittelalter zeigt seine Stärke:

                                     es gibt nur historische Bauwerke,

                                     die Landschaft ist nicht versaut,

                                     mit dem, was einer protzig baut.

                                     Es gibt kein’ Tourismus, kein Preußengesicht,

                                      und selbst Richard Wagner, den gibt es noch nicht.

Brünnhilde vom See her: Hojotoho! Hojotoho!

Maler:                           Was war jetzt dees? Um Gottes Willen, die muss von Wagner sei!

Brünnhilde steigt zur Terrasse auf: Hojotoho!

Maler:                          Grüß Gott!

Brünnhilde:                  Bin ich da richtig, malender Mann?

Maler:                          Wo wollen Sie denn hin?

Brünnhilde schaut auf einen Zettel: Bin ich da richtig in „Kareol“?

Maler:                          Ja, dees ist der Kareol-Wirt in Unterfichtenau.

Brünnhilde:                  Hojotoho! Zu End eine riesige Reise ohne Routenplaner! (Sie setzt sich an einen Tisch.) Ober!

Kurwenal kommt:       Bin schon da, edles Fräulein!

Brünnhilde:                  Ich bin kein Fräulein mehr! Zwei Nächte mit Siegfried. Einmal mit und einmal ohne!

Kurwenal:                    Mit und ohne was?

Brünnhilde:                  Tarnhelm!

Kurwenal:                    Oh! Ja, also Forelle und Gockerl sind aus. Schweiners hätten wir noch.

Brünnhilde:                  Ich hab bloß einen Durscht! Was trinkt man denn da in der Gegend?

Kurwenal:                    Bier. Marke-Königsbräu, drüben von Kornberg.

Brünnhilde:                  Marke-Königsbräu? Ja, bittschön. Ein Trinkhorn.

Kurwenal:                    In Bayern gibt’s nur Massen! Soviel wie die Hörner von einem Duzend Mannen!

Brünnhilde:                  Dees nehm ich!

Kurwenal ab.

Brünnhilde:                  Bin ja gespannt, ob die alle herfinden! Um sechse im Kareol ist ausgemacht!

Senta trifft ein:            Hey! Du schaust aus wie …

Brünnhilde:                  Die Losung? „Wagners Weiber …“

Senta:                           „… warnen weitere!“

Brünnhilde:                  Hojotoho! Hock dich her! Du bist die Senta, gell?

Senta:                           Ja, und du bist die Brünnhilde!

Brünnhilde:                  Bis droben von Norwegen runter kommst du, gell?

Senta:                           Dees Schifferlfahrn bin ich schon gewohnt von meim Vater. Und ich wollt ja immer weit naus aufs Meer!

Brünnhilde:                  „Bis in den Tod!“ - wegen deim depperten Holländer.

Senta:                           Ja, mei. Ich wollt ihn ja unbedingt erlösen!

Eva trifft ein, mit Nürnberger Akzent: Tschuldigens, bin ich da richtich?

Brünnhilde:                  Losung? „Wagners Weiber …“

Eva schaut auf einem Zettel nach: „Wagners Weiber warnen weitere!“ Allmächt!, hab ich tatsächlich hergefunden! Aber der Walder hat mir ja alles aufgeschriem …

Senta:                           Bist dees Evchen aus die Meistersinger?

Eva:                             Nürnbärch! Ich komm direkt aus Nürnbärch!

Brünnhilde:                   Hock dich her!

Senta:                           Du hast deine Wagneroper überlebt, gell?

Eva:                              Ja, mein Walder ist ein so ein Schatz!

Senta zu Brünnhilde: Aber dees ist doch der Beweis, dass die Wagnerweiber nicht zwangsläufig sterben!

Brünnhilde:                  Aber fast alle, Senta! Und dees muss aufhören!

Kurwenal und Liesl kommen. Sie bringen das Bier und wischen den Tisch.

Brünnhilde:                  Hojotoho! Jetzt kommt mein Bier! Marke-Königsbräu!

Eva:                             Aufpassen, Brünnhilde! Dieser „Marge“ kommt in dem Epos aa vor!

Kurwenal:                    Wollen die Frauen auch was trinken?

Senta deutet auf das Bier: Auch so was!

Eva:                             Habts ihr a Gläsele Franken? Vielleicht einen Riesling Bad Windsheimer Rosenbärch.

Kurwenal:                    Einen Hauswein haben wir da.

Eva enttäuscht:           Achso! Ja, dann bittschö nur a Schorla.

Kurwenal:                    Jawoll!

Kurwenal und Liesl ab.

Elisabeth und Elsa sind angekommen. Elisabeth bringt eine Reiseapotheke, also einen kleinen Koffer mit Säften, Salben u. ä.

Elsa:                            Wo sind wir denn da hineingeraten?

Elisabeth:                     Was ich alles auf mich nehmen muss!

Brünnhilde:                  Aha, dees sind wohl unsre beiden Mimosen, Elsa und Elisabeth. Losung? „Wagners …“

Elsa:                              „Frauen …“

Brünnhilde:                  „Weiber!“

Elsa:                              „Wagners Weiber …“

Elisabeth:                     „… beten für weitere!“

Elsa:                              „… warnen weitere!“

Brünnhilde:                  Passt! Hockts euch her!

Elsa und Elisabeth nehmen Platz.

Eva zu Elisabeth:       Gella, du bist die Heilige Elisabeth, die den Dannhäuser erlöst hat!

Senta:                          Wie war denn bei dir dees Erlösen?

Elisabeth macht eine Geste des Schwärmens: Ach, dees war wunderschön! Bis in den Himmel bin ich für ihn nauf…

Eva zu Elsa:                 Und du hast dei Goschn ned halten könna und hast die „verbotene Frach“ an dein Lohengrin gedan, gella?

Elsa:                             Mein Gott, es war alles so furchtbar!

Eva:                              Und wie bist dann gestorben?

Elsa:                             Verzweiflung! Herzinfarkt! Das steht nicht so genau im Textbuch!

Eva:                              Hab ich ein Glück ghabt!

Brünnhilde:                  Ja, liebe Genossinnen, darum sind wir da!

Kurwenal kommt mit dem Bier für Senta und der Weinschorle für Eva.

Brünnhilde:                  Jetzt bestellts erst, und dann eröffnen wir.

Kurwenal:                   Was darf ich noch bringen?

Elisabeth:                     Ein Glas klares Wasser bitte.

Elsa:                            Und mir bitte einen Kamillentee.

Kurwenal:                    Kommt sofort!

Kurwenal ab.

Brünnhilde:                  Also! Hojotoho! Ihr wissts, ich hab einen anonymen Hinweis kriegt, dass Richard Wagner, den ihr alle zur Genüge kennts, eine Oper aus dem Versepos „Tristan und Isolde“ machen will. Eva hat in dem Epos nachgelesen: Die Isolde soll da drin sterben. Mir hat man mittlerweile eine geheime Abschrift vom Handlungsentwurf zugespielt. Unsere Befürchtung bestätigt sich: Isolde soll auch in der Oper sterben! Und zwar einen „Liebestod“.

Eva:                               Allmächt! Einen „Liebestod“ gleich!

Brünnhilde:                  Wir wissen zwar nicht, wie dees gemeint ist und ob dees wehtut, aber tot ist tot! Mein Tod und euere Tode reichen!, finde ich! Freiwillige Erlösung hin oder her! Damit muss auch mal wieder ein End sein! Und Eva ist der Beweis, dass so eine Oper auch anders ausgehen kann!

Eva:                              Mei Walder ist ja a solcherner Schatz!

Elsa:                             „Es gibt ein Glück, das ohne Reu!“, sing ich in meiner Oper. Einfältig wie ich war.

Elisabeth:                     Wir sollten die Hilfe Gottes erflehen!

Brünnhilde:                  Schmarrn! Wir müssen reinlangen in die Gschicht! Sonst bringt dees nix! Hojotoho!

Eva:                             Reinlangen? Wo sollen ma denn hinlangen?

Brünnhilde:                  Problem erkannt, Eva! Erstens: spionieren! Wer sind die zwei: Tristan und Isolde! Und dann, zweitens: Den Liebesstod verhindern!

Senta:                          Und wie soll dees gehn?

Brünnhilde:                  Drittens!

Kurwenal bringt die Getränke.

Kurwenal:                    Einmal Wasser, einmal Kamillentee.

Brünnhilde:                  Sie, eine Frage. Kennen Sie einen gewissen Tristan?

Kurwenal:                    Ja, dem gehört die Wirtschaft da.

Brünnhilde:                  Aha, dees ist ja interessant. Und dees Bier kommt von dem Marke, oder wie?

Kurwenal:                    Ja, von Kronberg. Auf der anderen Seite vom Hopfensee. Schmeckts euch?

Senta:                           Ja, ein bisserl bitter, aber sonst passts schon.

Eva:                             Und dieser Marge?

Kurwenal:                    Der Marke ist der Onkel vom Tristan.

Brünnhilde:                  Schau an! Also der Bruder vom Tristan sein Vater, oder?

Kurwenal:                    Aber die Eltern sind schon zehn Jahre tot. Gott hab sie selig! Und von denen hat der Tristan die Wirtschaft übernommen.

Eva:                             Dann ghört die Wärtschaft wohl dem Marge, und der Trisdan is da Pächter.

Kurwenal:                    Ja, so ähnlich. Vasallentum – wie dees hald im Mittelalter so ist. Auch im bayrischen Mittelalter.

Brünnhilde:                  Noch eine Frage: Gibt’s hier in der Gegend eine Isolde?

Kurwenal:                    Ja, die Großmutter vom Großbauern …

Brünnhilde:                  Nein, ich meine eine Jüngere, Hübschere.

Kurwenal:                    Ja, vielleicht meinenS die Flins-Isolde, drüben in Bad Irrling. Dees liegt auch am Hopfensee, mehr nördlich. Die ist recht bekannt, weils eine reiche Mutter hat.

Brünnhilde leise zu Eva: Aufschreiben!

Eva:                              Ja.

Brünnhilde:                  Kennt der Tristan die Isolde?

Kurwenal:                    Ihr seids fei ganz schön neugierig.

Eva:                             Mei, mir sind hald fremd da.

Kurwenal:                   Wie man sich hald so kennt.

Brünnhilde:                  Soso. Wie man sich hald so kennt.

Senta:                           Ist denn der Tristan auch da?

Kurwenal:                    Der kommt gleich raus. Weil wir Bier geliefert bekommen. – Habts noch einen Wunsch?

Die Wagnerweiber schütteln die Köpfe.

Kurwenal:                    Wenns was wollts, schreits mir bittschön.

Brünnhilde:                  Wird gemacht!

Kurwenal ab.

Eva:                             Hörts! Wir sind schon ganz nah dran!

Senta:                          Wir waren bei drittens! Wie verhindern wir den „Liebestod“!

Brünnhilde:                  Elisabeth, du hast drandenkt?

Elisabeth holt die Reiseapotheke auf den Tisch: Meine Reiseapotheke. Die kommt aber nur zum Einsatz, wenn wir damit nix Böses machen! Ich hab Kranke geheilt – und sonst nix!

Brünnhilde:                  Nein, nein! Los, mach mal auf!

Elisabeth öffnet den Koffer, die anderen verfolgen dies gespannt.

Elisabeth:                     Also da drauf kriegt man einen mords Durchfall, so heftig, dass zum Beispiel der Tristan nicht mehr an Liebe denken kann. Dees ist für die Beruhigung, dees haut den hehrsten Helden um!

Senta:                           Könnt man damit auch wen … (Geste des Köpfens.)

Elisabeth:                     Dees sag ich need! Aber wenn man zu viel davon erwischt … Oder dees: Wenn der Tristan dees halbe Flascherl trinkt, dann springt sei Herz bis in den Himmel nauf.

Eva holt eine Viole heraus: Mei, was ist denn dees?

Elisabeth wird rot, will es ihr wegnehmen: Lass dees!

Eva:                               Wieso hast denn da so süße Herzen draufgemalt?

Elisabeth:                     Dees tun wir wieder rein.

Brünnhilde:                  Geh! Sag schon! Was ist denn dees?

Eva liest verblüfft:      Allmächt! Ein Liebestrank? „Amor und Bsyche“!

Elisabeth:                     Aber dees bleibt unter uns, gell!

Eva entsetzt:                Ja, was macht denn eine Heiliche mit am Liebestrank?

Senta lacht dreckig:  Hähä! Die kann ja nix dafür, dass heilig gmacht worden ist.

Elisabeth:                     Ihr seids ganz schön gemein!

Brünnhilde:                  Weg damit! Da kommt wer!

Elisabeth packt den Koffer weg, die Wagnerweiber geben sich unscheinbar.

Tristan kommt mit Masskrug, setzt sich an einen Tisch und beginnt, ein Bierdeckelhaus zu bauen.

Brünnhilde:                  Dees muss er sein! Den schaun wir uns mal an!

Die Wagnerweiber beobachten ihn heimlich.

       
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